Tag 11: »Sei mal ein Teil des Kunstwerks«

(Kurz nach Mittag, die Temperaturanzeige an der Volksbank zeigt 35 Grad. Am Ticketcontainer im Hintergrund gibt es einen Tumult: Die Dauerkarten sind ausverkauft)

»Müssen wir noch da rein? So eine lange Schlange.«

»Ist doch das Hauptgebäude. Dauert bestimmt nicht lange.«

»Mir geht diese ganze Kunst langsam auf den Geist. Außerdem habe ich Durst.«

»Kunst macht durstig.«

»Und blöd, wenn ich dir so zuhöre.«

(In der Schlange geht es nicht voran. Am Eingang werden um Zentimeter gefeilscht: Darf die Tasche noch mit rein darf oder nicht? Wie am Flughafen versucht eine Frau, ihren Rucksack so zu falten, dass er noch in den Aufsteller passt, der die Maße für erlaubte Taschen vorgibt. Rucksäcke sind aber nicht erlaubt, grundsätzlich nicht)

»Hier drin soll es eine Klimaanlage geben.«

»Ja genau, kühl ist die Kunst besser zu ertragen. Was hast du überhaupt für ein Verständnis von zeitgenössischer Kunst?«

»Kenn ich schon von dir. Wenn du Hunger oder Durst hast, wird es grundsätzlich. Ich bin ganz locker, kühler Kopf gehört für mich zum Denken.«

(Die Verhandlungen am Eingang haben ihren Höhepunkt überschritten. Der Kontrolleur ist einfach wacher, sein Dienst hat gerade erst begonnen. Es ruckt in der Schlange, die Diskutantin wird abgewiesen und trottet zum Garderoben-Container. Dort ist eine Schlange. Diese Geschichte erzählen wir später)

»Fühl‘ doch mal, statt zu denken.«

»Dann wird es mir zu heiß.«

»Ist doch ein gutes Zeichen, wenn es dir mal heiß wird. Dann verlierst du die Kontrolle und es geht was bei dir.«

»Ist nicht so meins.«

(Das Paar ist am Eingang angekommen. Die Eintrittskarten werden gescannt, der Kontrolleur wünscht tatsächlich »viel Spaß«, sie sind drin)

»Ist überhaupt nicht kühl.«

»Aber immerhin bunt.«

(Einige Menschen haben ihre Schuhe an den Rand einer Projektion gestellt und legen sich direkt auf die Erde ins Licht. Sie werden von sehr bunten Mustern beschienen. Sie haben irgendwie Spaß).

»Das ist jetzt wirklich mal geil.«

»Willste nicht mitmachen?«

»Och nö, ich bleib‘ lieber hier am Rand.«

»Ich muss da jetzt rein.«

(Die Frau stellt sich mitten in die Projektion, macht wilde Verrenkungen, geht in eine Art Tanz über, steht wieder still, tanzt wieder, sinkt auf den Boden und ruft laut zu ihrem Mann)

»Sei mal ein Teil des Kunstwerks.«

 

(Danke an Tina für Zitat und Foto)