Tag 25: »Sitzen die Leute endlich im Gefängnis?«

Wenn Du noch ein einziges Mal über die Linie trittst, schmeiß‘ ich Dich raus. Du machst das doch extra. Ich kenne Typen wie Dich. Es sieht ja keiner, denkst Du dir.

Doch, ich sehe Dich! Ich bin höflich, ich sage Dir, dass Du hinter der weißen Linie bleiben muss. Du schaust mich unschuldig an und trittst in gespielter Demut zurück auf die richtige Seite. Ich weiß ganz genau, dass Du dort nicht bleiben wirst. Du willst mir zeigen, wer hier die Macht hat. Weil Du eine Eintrittskarte gekauft hast?

Wieder respektierst Du die Grenze nicht. Deine Hand geht nach oben, Du zeigst mit dem Finger. Zentimeterkurz vor dem Bild hältst Du inne, ich sehe Deinen Seitenblick zu mir. Ich spreche nur mit den Augen und weiß, dass Du weißt, was Du tust. Es gibt keine Regeln für Dich.

Denkst Du. Ich kenne hier alle Regeln und ich werde sie anwenden. Das ist meine Berufung. Ich unbedeutende Aufsicht bin meiner Berufung ganz nah hier in diesem Raum. Mit den Arbeiten, die ich liebe.

Noch eine Sekunde, da, jetzt bist Du drüber. Mit beiden Schuhen. Ich sammele meine Kraft und schreie Dich an, ich habe hier nämlich Hausrecht. Genau das schreie ich Dir zu. Dass Du jetzt hier rausfliegst. Um mich herum wird es still. Alle schauen mich. Ganz ruhig werde ich.

Im nächsten Raum fragt ein Besucher im Vorbeigehen: »Sitzen die Leute endlich im Gefängnis?«

Tag 18: »Fünf Stunden stehen Sie jetzt hier und haben mit Kunst nichts zu tun«

Wenn die Kunst langweilig ist, interessieren sich die Besucher auf einmal für mich. Manche fragen mich nach den Werken, aber die meisten wollen etwas über mich wissen. Ob ich Kunststudentin bin zum Beispiel.

Also mal ehrlich: Um hier zu stehen, brauche ich doch keine Kunststudentin sein! Ist halt irgendein Ferienjob auf dieser Ausstellung, der tollen und berühmten documenta. Am liebsten würde ich Dokumenta schreiben. Weil es mir egal ist. Und ja klar, wir müssen fünf Stunden stehen. Und nein, wir dürfen uns nicht hinsetzen. Einmal hat mir ein Besucher sogar seinen documenta 14-Hocker angeboten. Das wäre es dann gewesen mit dem Job. Hat er aber nicht verstanden, so wie Nicht-verstehen hier ja auch die Regel ist.

Vor zwanzig Jahren, erzählt mir jemand, haben die Aufsichtsleute gestreikt, damit sie mehr Geld kriegen und sich hinsetzen können. Streik ist nicht mehr, alle stieren hier in die Luft. Weil Handys nicht erlaubt sind. Ich würde ja gerne sagen, das sind »Kolleg*innen«. Aber das einzig fortschrittliche ist hier das Gender-Sternchen. Jeder ist hier nach seiner Schicht sofort weg. Wollen wir nicht mal auf dem Friedrichsplatz grillen – so im Sinne von Wir-sind-da-und-wir-sind-viele? Fast besser als Streik.

Ist der Mann jetzt empört oder will er mich loben, als er beim Hinausgehen zu mir sagt: »Fünf Stunden stehen Sie jetzt hier und haben mit Kunst nichts zu tun.«