Tag 98: »Das ist große Kunst«

Viele Sätze, viele Ideen. Für einen langen Text hat es nicht gereicht, aber ein kurzer geht immer:

Ich sitze wieder bei Wang Bing, schaue wieder in die müden Augen der Arbeiter. Einer schaut in die Kamera: »We got mouths to feed.«

Die Aufsicht in der Neuen Galerie lehnt sich lässig an die Wand und will eine Frau von seinem Job beeindrucken. : »Ich habe zu mir gesagt, ach, dann machst Du da einfach mit.«

Eine Gruppe Jugendlicher sitzt auf den Panzer-Schaumstoffen von Andreas Angelidikatis. Offensichtlich haben die Schüler an etwas gearbeitet, denn auf die Frage der Lehrerin antworten sie: »Dann haben wir in den Wellen Gesichter gesehen.«

Und gleich dahinter eine Frau: »Dieser Panzer, da habe ich gar kein Bild dazu.«

Wie so oft schaut der Chorist in die ratlosen Gesichter seiner Spaziergänger und fragt: »Können Sie damit etwas anfangen?«

Eine ältere Dame ist völlig fertig. Da! Sie sieht einen freien Stuhl, lässt sich fallen: »Ist gut zu sitzen.«

Die ‚etwas annere Führung‘ in Mundart. Gerade geht es an der Gastronomie der documenta-Halle vorbei: »Hier gibbets die gude Bradwurscht.«

An der Ciudad Abierta in der Karlsaue: »Happiness«

Eine Mutter zu ihrem Kind: »Wenn du neun bist, sagst du zehn und wir gehen da rein.«

Menschenmassen bei der Ankunft der documenta-Reiter auf dem Friedrichsplatz, eine Gruppe steht am Rande und diskutiert wissend: »3000 Kilometer sind die geritten und an der Grenze haben die Stempel gefehlt.«

Eine junge Frau zu ihrer Begleiterin: »Im Landesmuseum oben sind Bilder von so komischen Familienaufstellungen mit Menschen.«

Immer wieder in den Räumen, meist laut: »Ich habe hier Hausrecht.«

Zwei Frauen am Gasto-Stand: »Da kriegt man nur die Hälfte und zahlt 60 Cent mehr.«

Vorrangige Bedürfnisse im Kaffee Neu am Weinberg: »Also, da unten steht ein Dixi-Klo, das gehört dazu, aber das ist ganz schön weit.«

Ein Mann, freudig: »Wir gucken oben in die Röhre.«

Family Business im Dépanneur: Tina steht an der Tür, Jonas interviewt mich: »…« (mir fehlen die Worte)

Rette sich, wer kann, der Chef spricht noch einmal: »Wir möchten das ausbeuterische Modell, unter dem die rechtlichen Gesellschafter der documenta ‚die wichtigste Ausstellung der Welt‘ produzieren möchten, anprangern.«

Die kleine Tür im Zwehrenturm, dahinter die Glasscheiben-Flaggen von Costas Varotsos, davor ein Paar, minutenlang vertieft, dann: »Haben die das extra zerbrochen?«

Ich bekomme am Eröffnungstag im Biergarten am Palais Bellevue von Sophia exklusiv den Text der Yael Davids- Performance und beginne zu lesen: »I cover my face with my body and soul at night.«

Ein Paar steht vor dem Video der Künstlergruppe Prinz Gholam. Das Paar vor dem Bildschirm steht still, das Paar auf dem Bildschirm auch. Die Frau sagt nach einer Weile zu ihrem Mann: »Warten, dass er wieder lebendig wird.«

Der kleine Andreas auf der documenta 3: ohne Erinnerung an einen Satz.

Am Weinberg im Vorbeigehen an einer Gruppe: »Ich finde den Kunstbegriff schwierig.« »Man hat Verbindungen geschaffen.« »Das ist große Kunst.«

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