Tag 94: »Die Bäckerei bleibt am Montag geschlossen«

Endspurt. Endlich die Sachen von der documenta sehen, für die noch keine Zeit war. Montag ist dafür genau der richtige Tag. Weil: wenig Leute, wenig Schlange.

So gut wie gar keine Filme im Kino gesehen. Also rein ins Gloria. Wang Bing. Film hat schon angefangen. Immer haben die Filme schon angefangen. »West of the tracks«. Ich bin sowas von Jenseits von allem. Eine Stunde im fernen China halte ich durch und sehe diverse Fabriken mit Männer in Pausenräumen, die sich fortwährend ausziehen (deutliche Furunkel am Hintern) und zur Dusche gehen.

Wieder raus. Regen. Ah, durchatmen. Deutschland. Alles in Ordnung. Alle pünktlich. Alles geordnet. Zum Friedrichsplatz. Obligatorische Karte für den Film im Ballhaus holen. »Sie haben Karte Nummer 11. Das ist auch gut so, wir dürfen nur 12 rausgeben. Oder?« Seitenblick zur Kollegin. Keine Zustimmung. Alarm! Aber nein, alles gut. Ich bekomme eine blaue Garderobenmarke mit der Nummer 111 – quer aufgestempelt, in einem etwas dunkleren Blau: »Termin 11. Sep. 2«. Vorsichtig stecke ich sie zu meiner Dauerkarte. Die zwei werden sich sicher im Portemonnaie vertragen, sind doch beide aus der documenta-Familie. »Der Shuttle startet um Punkt Dreizehnuhrdreißig«, sagt sie noch, ohne Seitenblick immerhin. Also noch Zeit.

Parthenon-Buch abholen! Alles abgezäunt mit Flatterband. Da, der Eingang. Gleich hin. »Hier nur Ausgang«, sagt Security. Wieder raus, um die Ecke und da: Schlange mit 150 Leuten. Ein Mann mit Megafon beruhigt die Leute, »es sind genug Bücher da«. Ich sehe sie von weiten, die verbotenen Bücher, sie liegen mitten im Parthenon im braunen Dreck. Ich soll meiner Frau ein Micky-Maus-Heft mitbringen. Ich glaube, das wollen alle haben. Durch den Ausgang schleppen viele ihren Stapel mit Plastikfolienbüchern in brauner Soße, die die Kleidung versaut. Sie sehen so seltsam glücklich aus. Doch in die Schlange stellen?

Nein, ich muss los zum Shuttle. Um gerade noch die Rücklichter vom wegfahrenden eAuto zu sehen. Blick zur Uhr: 13:28. Auto war auch schon voll. Werden sie den Film überhaupt zeigen, wenn nur 11 statt 12 Zuschauer da sind? Mir ist das jetzt egal. Resigniert verweile ich an der VW-Theke, kein Mensch ist da, den ich beschimpfen kann. Die Polizei macht Fotos von Menschen vor Parthenon. Haben die vielleicht Micky-Maus? Traue mich nicht, zu fragen (die schusssicheren Westen!). Bücherausgabenschlange inzwischen mit 300 Leuten. So gut wie keine Kraft mehr, überhaupt noch eine Entscheidung zu treffen. Hinsetzten!

Der Chef Szymczyk schreibt im dünnen d14-Programm (das ich mir einer schwachen Bewegung greife), gleich vorne über »Let’s get lost«. Ich bin sowas von lost. Blättere zum Venue Program. Finde eine Bäckerei, die »Denkmal und sozialer Raum zugleich« ist. Ich bin ausgehungert. Mir ist alles egal. Ich will jetzt Manakish von Nassib’s Bakery im Glaspavillon, ich akzeptiere Denkmal und sozialen Raum. Kämpfe mich durch die Stadt. Wieder Regen. Mit letzter Kraft erreiche ich die Glas-Pavillons, da steht auch schon »Bakery«, schnell rein und was bestellen. In der Tiefe des Raums: keiner da.

Irgendwie empfinde ich tiefen Frieden, als ich am Tresen lese: »Die Bäckerei bleibt am Montag geschlossen.«

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