Tag 92: »Viele wollen ja ihr eigenes Buch zurück«

»Martha, Martha« rufen die Menschen, als Martha Minujín das letzte Buch per Hubsteiger am Partheonon befestigt. Vielleicht tausend Menschen wollen Teil dieses Ereignisses sein, zugehörig sein zu etwas, was nur einmal im Leben so passiert. Sie spüren eine Verbindung, die sie bei dieser documenta 14 so wenig gespürt haben. Vielleicht – weil ihr künstlerischer Leiter keine Nähe zuläßt, die ihn – vielleicht – auch überfordert. Ein dickes Band von Kuratoren ist zwischen ihm und uns, auch bei der Letztes-Buch-Befestigung ist er nicht da. War er umsichtig genug, fortzubleiben? Hätten wir ihn verschlungen? Wie Grenouille im »Parfüm«?

So bleibt uns nur Martha, Martha, die weise im Hubsteigerkorb bleibt, um von unserer Liebe nicht erdrückt zu werden. Unserem Verlangen, Teil dieses Ganzen zu sein und zu verschmelzen. Natürlich mit Beweisfoto per Selfie. Dann spüren wir uns auch besser jenseits dieser kalten Welt mit Trump, Putin, Erdogan. Jetzt sind wir hier, versammelt an einem Ort, vereint in der Gemeinschaftsemotion. Endlich, endlich ist es mal schön.

Ich bekomme als Dank für meine Lesung ein Buch vom Parthenon. Es ist in Folie eingeschweißt. Ich bin froh darüber. Dann komme ich nicht in Versuchung, es zu lesen. Das Guantanamo-Tagebuch.

Eine Frau, vor der Präsentübergabe getroffen, wollte genau dieses Buch haben und sich dafür notfalls die nächste Woche immer wieder anstellen. Sie sagt lapidar: »Viele wollen ja ihr eigenes Buch zurück.«

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