Tag 91: »Du siehst intelligent aus«

In einem Raum in der Neuen Galerie werden Dokumente von Beschlagnahmungen in jüdischen Haushalten und Versteigerungsprotokolle aus Auktionshäusern zur NS-Zeit projiziert. Die Künstlerin Maria Eichhorn erforscht und dokumentiert (lt. KUNSTFORUM International Bd. 248/249, Seite 339; der documenta-Website ist diese Information nicht zu entnehmen) »die Enteignung der jüdischen Bevölkerung Europa und deren Nachwirkungen bis in die Gegenwart«.

Eine junge Frau kommt herein. Durch den schnellen Hell-dunkel-Wechsel bleibt sie, wie alle Besucher, erst einmal abrupt stehen. Dann setzt sie sich. Kneift die Augen zusammen. Sie sagt etwas in den Raum, offensichtlich spricht sie mit sich selbst.

Zeit 0:00: »Ich verstehe das nicht.«

Zeit 0:08: »Sind das verschiedene Drogenarten?«

Zeit 0:11: »Mann, ist das klein geschrieben.«

Zeit 0:17: »Ich wusste, dass ich viel lesen muss.«

Zeit: 0.21: »Sind das Rechnungen?«

Sie kramt in der Tasche, findet nicht gleich das, was sie jetzt braucht. Es ist schon sehr dunkel. Es dauert. Da, eine Lesebrille kommt zum Vorschein.

Zeit: 0:36: »Ich sehe scheiße aus mit Brille.«

Zwei andere junge Frauen kommen dazu, setzten sich gleich hin, schauen auf die Projektion, schauen dann auf ihre Freundin.

Zeit 0:42: »Du siehst intelligent aus.«

(Zeit 0:49: Alle drei Frauen verlassen den Raum.)

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