Tag 73: »Das habe ich Dir so richtig abgenommen«

Wie viele Walks sind eigentlich möglich pro Tag? Drei? Vier? Fünf? Im Moment mache ich sechs Walks an einem Samstag. Dann bin ich heiser. Obwohl wir doch so gar nichts sagen. Nur fragen. Was läuft da falsch, Adam?

Ich habe meinen Namen vergessen. Ich schaue auf mein ChorusChorLegitimationsschild und da ist nur noch eine weiße Fläche. Ich bin niemand, ich habe mich inklusive meiner Identität entlernt. Ich habe es geschafft. Denn, so Adam, »die documenta 14 ist eine Übung der Zerbrechlichkeit« und ich bin zerbrochen. Zerbrochen wie die Glasfahnen von Costas Varotsos im Zwehrenturm.

»Dies ist eine einzigartige Bemühung, die nach einer gleichermaßen vielschichtigen Reaktion und nach mannigfaltigen Formen der Rezeption verlangt.« Sagt Adam und kann mich hier auf dem Friedrichplatz in meiner mannigfaltigen Form der vollkommenen Selbstaufgabe betrachten: Ich bin nicht Teil des Chors, ich bin Chor. Ich löse mich dann auf und bin ein Buch im Regal von Maria Eichhorn in der Neuen Galerie. Bin die Knarre bei Regina José Galindo im Stadtmuseum. Und die Frau, die vor dem Panzer weg läuft. Eine Faser im rosa Hassabi-Teppich. Verbranntes Holz von Andújar. Das letzte Stück Tofu in der Fabrik. Eine Glasscheibe von Yael Davids. Ein Stück Mahama-Kohlesack. Knorr-Rauch. Minke-Lehmziegel. Cool-Balducci-Klebeband. Galván-Elche-Romero-Münze. Geers-Stacheldraht. Eine Blume in der Denes-Pyramide.

Ich reiße mir die Gauri-Gill-Maske herunter und bin Arnold Bode. Ich fühle das gerade sehr stark.

Ich bin alles und nichts. Noch eine Aufnahme, ich schaue in das Smartphone, der Kameramann wartet auf mein Chor-Statement: »Eigentlich wollte ich auf die Osterinseln, bin dann aber in Kassel gelandet.«

»Das habe ich Dir so richtig abgenommen.«

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