Tag 71: »Die meisten wollen ja echt weg aus Kassel«

Zwei Frauen machen eine wohlverdiente documenta-Pause.

»Ich schreibe vielleicht noch meine Doktorarbeit.«

»Wie alt bist Du denn?«

»24.«

»Und Du?«

»27.«

»Ich will dafür aber nur sechs Monate brauchen.«

»Hm.«

»Und danach ins Ausland.«

»Hm.«

»Australien wär’s.«

»Hm.«

Aber waren die beiden überhaupt auf der documenta? Die Tüten sehen eher nach Shopping aus. Zumindest verweilen sie im »Dépanneur«, das ist das documenta-»Pop-Up-Bistro«. Also ein »Pannenhelfer« in einem »temporär geöffneten Restaurant, wo von einem vorher nicht bekannten Koch an einem kurz zuvor bekanntgegebenen Ort ein sehr gutes Gastronomie-Angebot offeriert wird«. Wissen die beiden, an welch‘ bedeutendem Ort sie sind?

»Ich finde es ja toll, wenn man, was eigentlich ein Hobby ist, als Beruf machen kann.«

»Hm.«

Die beiden sind irgendwas mit Ärztinnen (diesen Dialog überspringen wir). Sie sprechen bei der Erfüllung nicht von sich. Sie sprechen von einem Freund, der sein Hobby zum Beruf gemacht hat. Ohne Doktorarbeit? Ohne Australien? Wie alt ist er? Auch Arzt? Auch hier? Wir können nicht bleiben, wir wollen echt weg, die Gin-Tonics sind ausgetrunken, wir verlassen die Terrasse, draußen lockt das Parthenon –  nass vom Regenguss – mit aufregenden Spiegelungen. Im Ohr verklingt der Dialog.

»Bleibst du eigentlich hier?«

»Die meisten wollen ja echt weg aus Kassel.«

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