Tag 67: »Ich weiß nicht, was mich geritten hat«

Ich darf nur flüstern. Das ist die Kunst. Nach einem ausgeklügelten Plan gehen wir durch die Stadt.  Wir haben neunzehn verschiedene Laufwege. Kassel School of Art and Design, Car parking in Front of Kunsthochschule. Zum Beispiel dort. Wir flüstern. Nur das. Mit einem transportablen Lautsprecher. Wenn uns Besucher ansprechen, antworten wir nicht. Auch wenn wir nur nach einer Toilette gefragt werden. Niemals antworten. Konzept.

Wenn ich abends nach Hause komme, ist es unmöglich, noch laut zu reden.  Mein Mann kennt das schon. Ich nicke, aber meist schüttele ich nur den Kopf. Diese documenta wird mich langsam aber sicher verrückt machen. Am liebsten würde ich nur noch flüstern. Zu mir selbst flüstern. Keine Antworten mehr geben müssen. Manchmal denken die Leute, ich wäre heiser. Wenn ich flüstere. Ich lasse es dabei. Ich erkläre es nicht mehr.

Was tue ich, wenn ich nicht mehr flüsternd durch die Stadt ziehe? Ich habe keine Ahnung. Was macht danach überhaupt noch Sinn? Ich glaube, ich werde verstummen. Ganz.

Ich lese zur Beruhigung die Notizen von Pope L: »Ich war seit mehreren Tagen im Aufnahmestudio gewesen, deshalb entschied ich mich, einen Spaziergang zu machen. Ich weiß nicht, was mich geritten hat.«

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