Tag 58: »Im Schatten des Hauses, in der Sonne des Flußufers bei den Booten, im Schatten des Salwaldes, im Schatten des Feigenbaumes wuchs Siddhartha auf«

#BücherklauAmParthenon9

Tom, der Polizist von der mobilen Wache, ist genauso früh am Parthenon wie Jeremias.

»Was Neues vom Bücherdieb?«
»Ach, die paar Bücher, die ersetzen wir gleich wieder am nächsten Tag.«
»Trotzdem muss er gefasst werden.«

Das sagt Tom in einem väterlichen Ton. Obwohl er doch der Sohn von Jeremias sein könnte. Ahnt er etwas?

»Hey J., hast Du irgendwie Probleme, bist du im Stress?«
»Stress beim Bewachen von Büchern?«
»Ich meine ja nur. Die ganze Woche beobachte ich dich schon, redest Du mit dir selbst?«

Jeremias dreht sich um und geht. Er will nur noch mit Henriette reden. Aber sie ist weg. Aus seinem Leben verschwunden. Er kann ihre Stimme nicht mehr hören.

Auf seinem Rundgang sieht er seine Kollegen mitten im Parthenon. Er geht zu ihnen. Sie stehen zusammen, was eigentlich nicht erlaubt ist. In der Mitte ihres Kreises steht eine Kiste voller Bücher. Jeremias ist entschlossen, diesmal ein Buch von der ersten bis zur letzten Seite zu lesen. Ein Buch, dass er nicht gestohlen hat, sondern das Buch aus der Kiste ganz oben. Das ist für ihn. Er bekommt ein Exemplar noch am gleichen Tag in der Buchhandlung gegenüber, die Buchhändlerin überreicht es ihm fast feierlich.

Jeremias ist unterwegs, meinetwegen zu sich selbst und seiner Lust am Lesen, für deren Entdeckung er dreißig Jahre seines Lebens gebraucht hatte. Er blättert zur ersten Seite:

»Im Schatten des Hauses, in der Sonne des Flußufers bei den Booten, im Schatten des Salwaldes, im Schatten des Feigenbaumes wuchs Siddhartha auf, der schöne Sohn des Brahmanen, der junge Falke, zusammen mit Govinda, seinem Freunde, dem Brahmanensohn.«

Kommentar verfassen