Tag 55: »Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt«

#BücherklauAmParthenon6

Das Kaninchen verfolgt Jeremias. Oder verfolgt er es? Ganz verwirrend ist diese erste Seite gewesen. Henriette muss ihm mehr davon erzählen, denn er schafft es nicht, weiter zu lesen. Er schläft so gut wie gar nicht mehr.

Der Parthenon brennt. Es brennt lichterloh. Die Sicherheitsleute versuchen, die Bücher zu retten. Gleichzeitig müssen sie Besucher zurückhalten, die dasselbe tun wollen. Dann müssen sie aufhören, es ist zu gefährlich. Jeremias schaut mit blanken Entsetzen auf die Szenerie, aller voller Feuerwehr, voller Krankenwagen, Polizei.

»Hallo?«

Aus großer Entfernung dringt die Stimme an sein Ohr.

»Hallo, sind Sie da?«
»Ja, ich bin da.«
»Sie sahen so entrückt aus.«
»Ich stelle mir manchmal den größtmöglichen Unfall vor.«
»Und der wäre?«
»Das sage ich lieber nicht.«

Henriette balanciert einen Stapel Bücher. Jeremias war wieder zurück. Bücher brennen nicht mehr auf dem Friedrichsplatz. Punkt.

»Können Sie mir helfen?«
»Klar. Wo haben Sie die denn her?«
»Aus dem Keller meines Großvaters. Alles fein säuberlich seit über 70 Jahren in einer Kiste verpackt.«
»So alt?«
»Wahrscheinlich schon vor Kriegsende eingelagert. Mein Großvater war Buchhändler, in jedem Buch liegt eine Karte mit Datum.«
»Lassen Sie mich raten: verbotene Bücher?«
»Alle waren verboten damals, das war leicht herauszubekommen.«
»Wollen Sie sie spenden?«
»Sie sollen hier einen würdigen Platz bekommen.«

Am Abend findet Jeremias am Parthenon das Buch, was auf Henriettes Stapel ganz oben lag und schlägt die erste Seite auf:

»Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.«

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