Tag 54: »Alice war es allmählich leid, neben ihrer Schwester am Bachufer stillzusitzen und nichts zu tun«

#BücherklauAmParthenon5

Jeremias will auch reisen, sich endlich erholen, in einer Schmalspurbahn sitzen. Wie der Pflegesohn Hans dort. Er fühlt sich allein und merkt, dass sich die Menschen in Büchern oft allein fühlen. Was hat er bisher verpasst, weil er nichts gelesen hat?

Als es dämmert, beschließt er, Henriette systematisch zu suchen. Bei einem Sicherheitsmann ist dies wörtlich zu nehmen. Sie macht es ihm leicht und steht an einer der Parthenon-Säule. Lächelt ihn an. Er lächelt nicht zurück.

»Dann lag ich mit meiner Buchempfehlung daneben?«
»Vielleicht nicht bei Büchern, aber bei Ihren Gewohnheiten.«
»Meine Gewohnheiten?«
»Ich bin ein korrekter Mensch und ich glaube, Sie auch. Und korrekte Menschen haben Gewohnheiten. Sie sind sonst jeden Abend da.«
»Sie verfolgen mich? Das ist ja krass. Ich wollte nur freundlich sein. Lassen Sie mich in Ruhe.«

Sie läuft direkt durchs Parthenon zum Buchladen von König, Jeremias hinterher.

»So war es nicht gemeint.«
»Wie war es denn gemeint?«
»Ich mag Ihre Bücher.«
»Und?«
»Ich mag Sie, wie Sie die Bücher betrachten.«
»Und Sie mögen es, andere dabei zu beobachten?«
»So ähnlich. Heute Abend fehlt mir noch ein Buch.«
»Schauen Sie mal da ganz links an der Säule in Brusthöhe. Das blonde Mädchen.«

Sie verabschieden sich. Jeremias findet das Buch sofort. In der Nacht schlägt er es auf:

»Alice war es allmählich leid, neben ihrer Schwester am Bachufer stillzusitzen und nichts zu tun; denn sie hatte wohl ein- oder zweimal einen Blick in das Buch geworfen, in dem ihre Schwester las, aber nirgends waren Bilder oder Unterhaltungen abgedruckt – „und was für einen Zweck haben schließlich Bücher“, sagte sich Alice, „in denen überhaupt keine Bilder oder Unterhaltungen vorkommen?“«

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