Tag 51: »Falls Sie wirklich meine Geschichte hören wollen« 

#BücherklauAmParthenon2

Jeremias hasst es, lesen zu müssen. Er ist so langsam damit. Doch dieser John Franklin gefällt ihm, er ist ja auch langsam. Die erste Seite hat Jeremias letzte Nacht geschafft, mit unendlicher Mühe hat er sich Wort für Wort voran gerobbt. Wie gerne würde er erfahren, wie es mit John weitergeht. Das Buch versteckt er am Morgen in einer der Röhren.

Wenn er nicht liest, versteht er die Frau nicht, die er liebt. Was will sie ihm mit diesem Buch sagen. Dass sie langsame Menschen liebt?

Er sieht sie am nächsten Tag im Parthenon. Wie immer schaut sie auf ein Buch. Wie in Trance geht er die Stufen nach oben. Er stolpert, stürzt der Frau vor die Füße. Das Buch, sein Buch, rutscht aus der Jacke. Schnell hebt er es auf, die Frau sieht es noch.

»Ach, wenn Ihnen das gefällt, sollten auf jeden Fall auch das lesen.«

Sie deutet auf ein Buch knapp über ihrem Kopf. Jeremias merkt sich ganz genau, wie es aussieht. Er nickt nur, lächeln geht überhaupt nicht. Er verschwindet auf der anderen Seite.
Jeremias wartet auf das Ende der langen Büchernacht, schneidet in der Dunkelheit das Buch geräuschlos aus Folie und schlägt die erste Seite auf:
»Falls Sie wirklich meine Geschichte hören wollen, so möchten Sie wahrscheinlich vor allem wissen, wo ich geboren wurde und wie ich meine verflixte Kindheit verbrachte und was meine Eltern taten, bevor sie mit mir beschäftigt waren, und was es sonst noch an David-Copperfield-Zeug zu erzählen gäbe, aber ich habe keine Lust, das alles zu erzählen.«

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