Tag 48: »Och, das macht Dich krank oder?« 

Ich habe eine ganz besondere Erfindung gemacht. Mein Gerät pulverisiert Smartphones in einem Radius von 350 Metern. In Gebäuden ist es etwas weniger, um die 200 Meter. Es zerstört aber nur die Telefone, die den Abstand zu Menschen und Objekten von 40 Zentimetern unterschreiten. Wir reden hier echt von 40 Zentimetern!

Ich erlebe Handybesitzer, die bei einer Performance in der Neuen Galerie ihr Gerät im Abstand von 20 Zentimeter vor die Künstlerin halten. In der Henschelhalle sitze ich in der zweiten Reihe und verfolge 90 % des Geschehens über drei Bildschirme, die zwischen mich und der Kunst gehalten werden. Von Besitzern jeder Altersklasse. Während der Aufnahmen werden die Belichtungen korrigiert, ran- und weggezoomt, WhatApps zur Seite gewischt. Jedes Smartphone macht dabei »Klick« oder »Kalong«, wenn die Videoaufnahme beendet wird. Links von mir kommt eine Digitalkamera mit Serienbildfunktion zu Einsatz, der Fotograf schießt immer (immer!) drei oder vier Bilder, läßt dann die Kamera wieder auf seine Knie sinken. Als wäre überhaupt nichts geschehen. Um eine Minute später das nächste Dauerfeuer zu eröffnen. Es stört niemanden mehr. Es gibt keine Hinweise mehr, es nicht zu tun. Das Abendland ist untergegangen und nicht einmal die FAZ hat es gemerkt.  Ich liebe mein Smartphone, ich mache viele Bilder. Ich überlege mir nur, wann ich das tue. Ich bin allein mit dieser Entscheidung, alle anderen schießen um sich.

Meine Erfindung kommt jetzt bei jeder documenta-Veranstaltung zum Einsatz. Betrachten Sie das als Warnung. Und lesen Sie die Allgemeinen Geschäftsbedingungen auf Ihrer Eintrittskarte. Da wird auf die Pulverisierung bereits hingewiesen und jede Haftung ausgeschlossen. Sie bekommen aber eine recycelbare Tüte zum Aufsammeln der Überreste gratis bei jeder Aufsicht.

Ich erwache aus meinem Tagtraum. Meine Freundin hält mir ihr Smartphone vors Gesicht: »Och, das macht Dich krank oder?«

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