Tag 45: »Der Soldat stirbt nicht, er ist unsterblich«

Es ist die letzte Runde. Die Besucher verlassen das Gebäude. Immer treffe ich Menschen, die noch vor einer Arbeit stehen. Versunken sind. Gar nicht realisieren, dass es zu Ende geht. Es ist fast so, als würde ich sie aufwecken. Dann erschrecken sie. Sie waren in einem Traum. Ich bin der Aufwecker, der Rausreißer, der Realitätszurückbringer. Ich bin es gern. Nichts entgeht mir. Jeder Fleck an der Wand wird übermalt, damit alles wieder strahlend weiß ist. Jedes Absperrseil wird zurecht gerückt. So gut wie nie finde ich Müll. Keiner schmeißt was weg. Verliert manchmal etwas. Einen Notizzettel mit dem Namen von Künstlern. Ein Ausstellungsplan mit Anmerkungen wie »Ja!« oder »?« oder »noch tiefer ergründen«. Vorbei. Plan verloren. Tieferen Grund verpasst. Ich stecke dann den Plan ein und nehme mir vor, es am nächsten Tag für den Besucher zu tun: tief zu ergründen. Das darf nicht ungetan bleiben. Dann fehlt etwas. Es darf nichts fehlen. Die documenta ist immer vollständig. Bis zum siebzehnten September. Dafür bürge ich.

Von uns gibt es viele. Wie ein kleine Armee durchstreifen wir die heiligen Hallen am Abend um 20 Uhr 13. Ich schalte, wie immer an diesem Abend, den Beamer im ersten Stock aus. Die letzten Worte auf der Leinwand sind »Der Soldat stirbt nicht, er ist unsterblich«.

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