Tag 36: »Wir kaufen Dein Leben komplett oder in Teilen« 

Natürlich habe ich schon Angebote erhalten. Reihenweise. Wir stellen schließlich jeden Tag das Schild auf. Nur der hier meint es anscheinend ernst. Fragt mich, ob ich seinen Finger kaufen will. Den linken Mittelfinger. Darauf legt er dann schon wert. Und was er dafür bekommt. Ich sage ihm, dass er einen Brief an die documenta-Leitung schreiben soll. Am liebsten würde ich ihm noch sagen, dass er seinen Finger gleich dabei legen soll. Traue ich mich dann doch nicht. Außerdem hat er nicht kapiert, dass wir keine Körperteile sondern Lebensteile ankaufen.

Eine Frau will ihre Depression verkaufen. Da sie aber gerade überwunden ist, sind wir nicht interessiert. Ein Student will sein ewiges Alleinsein anbieten. Da sind wir interessiert, haben wir doch schon genug mit Gruppen zu tun und wünschen uns eine Auszeit. Ein älterer Herr hätte da sein unglückliches Verliebtsein im Angebot. Für 10 Mark. Lange her, war vor dem Euro. Ist uns trotzdem zu teuer, wir wollen das schließlich weiter verkaufen, da gibt es zu viel Ramsch. Aus der letzten Woche: Gefängnisaufenthalt zwei Jahre ohne Bewährung, Durchfall eine Woche, Calden-Flug mit zwei Tagen ohne Koffer, drei Stunden documenta-Pressekonferenz (von insgesamt 238 Journalisten angeboten), acht Stunden Nachtwache an der Ölmühle vor der Orangerie, sechzehn Minuten Warten auf einen Aperol Spritz im Bellevue-Biergarten, dreißig Minuten Warten vor der Henschelhalle, einundvierzig Jahre Warten auf die Pension. 

Wieso kriegen wir nur die Bad Things angeboten? Ich verrate Ihnen hier jetzt mal ein Geheimnis. Ich habe das Go, sämtliche positiven Lebensteile anzukaufen! Mit bis zu 1.000 Euro ohne Rückfrage. Wenn die Jungs in der documenta und Fridercianum Veranstaltungs gGmbH (ich liebe diesen Namen) gut drauf sind, bis 5.000 Euro. Und die sind gut drauf, Athen schließt morgen und da haben sie schön Geld reingepulvert, das hat jetzt ein Ende. Da knallen morgen die Korken und der Knorr-Rauchproduzent will auch weiter machen. Der verbrennt da nämlich die eingereichten Reisekostenabrechnungen aus Griechenland, die Belege hassen die Leute in der GmbH, immer müssen sie Geld raushauen. Da zahlen sie doch lieber für das positive Leben.

Aber keiner will. Für heute reicht’s mir. Ich lasse das Schild im Depot verschwinden. Sollen es doch heute mal nur noch die Spinnen lesen: »Wir kaufen Dein Leben komplett oder in Teilen.« 

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