Tag 24: »Wann werden wir für die E-Mails bezahlt, die wir nachts schreiben?«

Wenn wir mit den Besuchern einen Spaziergang über die documenta 14 machen, sollen wir dann möglichst geräuschlos funktionieren? Ich meine: Nein. Ich will Zugänge schaffen und die Menschen anregen, sich mit der Kunst zu beschäftigen. Deshalb bin ich hier, nicht wegen der Bezahlung, wie viele vielleicht glauben. Prekär ist es nicht nur für die Künstler, prekär ist es für den ganzen Kunstbereich, mich eingeschlossen. Tja, werden Sie dann sagen, warum haben Sie denn nichts Vernünftiges gelernt?

Da würde ich einhaken und mit über die Vernunft sprechen. Wenn Sie wollen.

Über das Lernen würde ich auch mit Ihnen sprechen. Da haben Sie dann mal keine Wahl, da müssen Sie durch in meinem Walk. Auch wenn ich eine Gruppe mit Sparkassenmanagern habe, mache ich das. Die wollen ja immer schnell bei allem vorbei, gucken sich so zwanzig Sekunden ein Video an. Ich glaube ja, diese Manager haben bald viel mehr Zeit, als ihnen lieb ist. Die können nicht mehr in der eigenen Küche sitzen, essen ihr Brötchen im Stehen, laufen aus dem Haus – und setzen sich auf die nächste Park“bank“, weil die Sparkassenarbeit ja ausgegangen ist. Keine Zinseinnahmen mehr, Personal überflüssig.

Vielleicht erinnern Sie sich dann an meine Gedanken zu einem Kunstwerk und bereuen, gleich weiter gegangen zu sein. Wenn es dafür gut ist, freue ich mich für Sie. Wenn Sie also in Zukunft an mich denken, freue ich mich schon in dieser Gegenwart. Das ist Kunst. So eine ganz konkrete Gegenwartskunst.

Auf meiner Choristen-Tasche steht: Seien Sie so frei, mich zu meinen Arbeitsbedingungen zu fragen. Ich habe für die Vorbereitungswochen kein Geld bekommen, meine Reisekosten selbst bezahlt. Die documenta-Spaziergänge sind outgesourct, die Agentur behält eine Provision ein, die höher ist als meine Entlohnung pro Gruppe. Ich frage mich: »Wann werden wir für die E-Mails bezahlt, die wir nachts schreiben?«

Kommentar verfassen