Tag 18: »Fünf Stunden stehen Sie jetzt hier und haben mit Kunst nichts zu tun«

Wenn die Kunst langweilig ist, interessieren sich die Besucher auf einmal für mich. Manche fragen mich nach den Werken, aber die meisten wollen etwas über mich wissen. Ob ich Kunststudentin bin zum Beispiel.

Also mal ehrlich: Um hier zu stehen, brauche ich doch keine Kunststudentin sein! Ist halt irgendein Ferienjob auf dieser Ausstellung, der tollen und berühmten documenta. Am liebsten würde ich Dokumenta schreiben. Weil es mir egal ist. Und ja klar, wir müssen fünf Stunden stehen. Und nein, wir dürfen uns nicht hinsetzen. Einmal hat mir ein Besucher sogar seinen documenta 14-Hocker angeboten. Das wäre es dann gewesen mit dem Job. Hat er aber nicht verstanden, so wie Nicht-verstehen hier ja auch die Regel ist.

Vor zwanzig Jahren, erzählt mir jemand, haben die Aufsichtsleute gestreikt, damit sie mehr Geld kriegen und sich hinsetzen können. Streik ist nicht mehr, alle stieren hier in die Luft. Weil Handys nicht erlaubt sind. Ich würde ja gerne sagen, das sind »Kolleg*innen«. Aber das einzig fortschrittliche ist hier das Gender-Sternchen. Jeder ist hier nach seiner Schicht sofort weg. Wollen wir nicht mal auf dem Friedrichsplatz grillen – so im Sinne von Wir-sind-da-und-wir-sind-viele? Fast besser als Streik.

Ist der Mann jetzt empört oder will er mich loben, als er beim Hinausgehen zu mir sagt: »Fünf Stunden stehen Sie jetzt hier und haben mit Kunst nichts zu tun.«

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