Tag 15: »Jetzt erwacht Kassel aus seinem Schlaf«

Meine Eltern sind verrückt auf ihre Heimat. Warum sie dann nach Australien ausgewandert sind? Ich habe keine Ahnung. Aber sie haben es gemacht, dann vor lauter Heimweh ihrem ersten Sohn einen speziellen Vornamen gegeben.

Leider bin ich dieser Sohn und muss, seit ich denken kann, Auskunft über eine Stadt geben, in der ich noch nie einen Fuß gesetzt habe. Bei uns sind Städtenamen als Vornamen nicht  untypisch, es wimmelt von Paris, Brooklyn, Neville, Venice, Memphis und Lyon. Nur wie ich heißt keiner. Meine Eltern haben schon einen ziemlichen Hau. Ja, nun, ich kenne auch eine Mona, die mir von ihrer Schwester Lisa erzählt. Von was sind die Eltern begeistert?

Vor drei Tagen erst haben wir dann einen Flug gebucht, um die Stadt zu besuchen, die mich schon ein Leben lang verfolgt. Einen Direktflug gab es nicht, einen Flugplatz gibt es schon. Ich wäre gerne mal da gelandet, wo mein Name groß dran steht. Wir kommen aber einem ICE-Bahnhof an und ich muss meinen Vornamen mit einem gewissen Wilhelm teilen. Schock!

Nun bin ich hier, lese meinen Namen an jeder Ecke, schreibe Postkarten. Wir finden ein schönes Café, eine Maid in Leder stelle ich mir als Bedienung vor. Ich muss schließlich schlafen, träume wild von Paris, Mona und Lisa, wache ich wieder auf, schaue in das Gesicht meiner Freundin. Sie hat lange darauf warten müssen, sie sagt zu mir mit einem Lächeln: »Jetzt erwacht Kassel aus seinem Schlaf.«

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