Tag 97: »Habe ich jetzt Angst? Nö!«

Schuhe will ich nicht. Von der Haiduk schon gar nicht. Sau unbequem. Auch die Armee der schönen Frauen von der Haiduk interessieren mich nicht. Bin selbst schön. Das dritte Ding von ihr, die Soundperformance, das interessiert mich. Ich suche am Schluss dieser d14 immer noch mein Lieblingskunstwerk und will jetzt endlich eins.

Die Dunkelheit. Hier kommt sie über mich. Genauestens werde ich vorher eingewiesen. Soll drin bleiben, so lange es nur irgend möglich ist. Da sei wichtig. Soll mich meinen Ängsten stellen. Hat das jemand gerade zu mir gesagt? Oder sage ich das zu mir selbst? Hallo, bleib‘ mal locker, es geht schon gut.

Mein Puls springt hoch. Wir müssen noch warten, alle halbe Stunde dürfen nur welche rein. Jetzt geht’s los, sitze hier, höre die Stimmen. Und auf einmal ist es banal. Ich sage zu mir selbst: »Habe ich jetzt Angst? Nö!«

Tag 87: »Du kannst ruhig da rein gehen und Seife kaufen«

Ein Paar ist auf Shoppingtour. Schon jetzt reich bepackt. Der Mann mit leuchtenden Augen.

»Da musste ich einfach zuschlagen: Zwei zum Preis von einem!«

»Eine Flasche Bier für vier Euro. Schnäppchen, würde ich sagen.«

»Ja, aber vorher acht Euro. Aber Deine Schuhe reißen es auch nicht wieder raus.«

»Moment mal, die gab es nur dort. Sonst nirgends. Zweiundfünfzig Euro.«

»Du hast unterschrieben, sie nur bei der Arbeit zu tragen!«

»Ach Gott, was man so unterschreibt.«

»Aha, Du willst Dich also nicht dran halten. Karma adé.«

»Warum sollte ich mich nicht dran halten? Ist doch süß, Schuhe nur für die Arbeit.«

»Sehen auch echt bequem aus, die Süßen.«

»Schuhe brauchen nicht bequem sein, sondern sollen schön aussehen.«

»Schöne Schuhe für die Arbeit, ich lach‘ mich tot.«

Sofort geht die Frau zwei Schritte schneller, der Mann kommt kaum nach. Sie schaut auf den documenta-Plan, der mit handschriftlichen Anmerkungen übersät ist.

»Jetzt noch in die Neue Galerie.«

»Was gibt’s da?«

»Seife!«

»Nö, echt jetzt? Teuer?«

»Ach was, alles Bio für zwanzig Euro.«

»Ich weiß gar nicht, ob ich das so genau wissen wollte.«

»Außerdem wird Dir alles genau erklärt: wo die Seife herkommt und so, die Landbevölkerung verdient was dran, die Transporte sind CO2-neutral und noch so Sachen.«

»Ich kaufe mir lieber zwanzig Stück Seife und scheiß auf Öko.«

»Wenn Männer entscheiden, geht die Welt halt unter.«

»Du willst jetzt echt nicht daraus so ein Frauen-Männer-Ding machen.«

»Bei Seife hört der Spaß auf.«

»Ach na ja, vielleicht kannst Du die Seife doch ganz gut gebrauchen.«

Die Frau geht wieder zwei Schritte voraus, stellt sich in die Schlange und liest demonstrativ im documenta-Plan. Der Mann sieht in Richtung Biergarten und ruft laut: »Du kannst ruhig da rein gehen und Seife kaufen.«

Tag 77: »Ich glaub‘, hier ist nix«

Tür aufgemacht: Feuerlöscher!

Durch den Vorhang geschlüpft: Putzeimer!

Klinke gedrückt: Abgeschlossen!

Hinten rum gelaufen: Wand!

Ins Kino gegangen: Dunkel!

Rucksack zur Garderobe gebracht: Zu!

Nach einer Flasche vom Sufferheadbier gefragt: Es gibt nur zwei zum Preis von einer!

Schnell zu den Wüst-Bildern in der Neuen neuen Galerie: Hier nur Ausgang!

Unter den Absperrungen durchkrabbeln wollen: Gehen Sie bitte außen rum!

Einer Gruppe was vor den Bildern erzählt: Bitte gehen Sie weiter, das dürfen hier nur die Choristen!

Wasser aus der mitgebrachten Flasche trinken wollen: Hier dürfen Sie nicht trinken!

Aus Versehen ein Foto mit Blitz gemacht: No flash please!

Nach der Brücke am Rondell gefragt: Gibt’s nicht!

Nach der Halitstraße gefragt: Hä?

An die Fridericianumsschlange angestellt: Wir schliessen um 19.50 Uhr, der Hausmeister will abschließen!

Völlig fertig auf den Liegestuhl gesetzt: Können Sie bitte aufstehen, wir wollen Schluss machen.

Kein Klo. Kein Bewirtungsbeleg. Kein Aperol Spritz. Keine Kartenzahlung. Kein Bier vom Fass. Kein Papier im Klo. Keine Ahnung, wie auf der documenta-Website navigieren. Keine englische Speisekarte. Keine Führungen. Keiner, der auf Fragen antworten will. Kein Hotel mehr frei. Keine Ahnung, ob hier jemand bedient. Echt keine Ahnung.

»Ich glaub‘, hier ist nix.«

Tag 31: »Wir hatten gerade eineinhalb Tage Hardcore«

Alle sagen das: Die documenta will zu Fuß erobert werden. Ich könnte mir vorstellen, mal mit der Tram zu fahren. Wenn ich den documenta-Plan verstehen würde. Und dort die Haltestellen eingezeichnet wären. Ich komme von der Brücke am Rondell und bewege mich auf der Halitstraße Richtung Norden. Die Kasseler Straßenschilder kennen zwar den türkischen Platz, die Straße klingt aber eindeutig niederländisch. Wir wollen zu den Gottschalkhallen, die hier niemand kennt. Überhaupt kennt hier niemand irgendetwas. Ich komme mir vor wie am Nordpol. Der Mann eben hat behauptet, es gäbe eine Neue Galerie, aber keine Neue Neue Galerie. Er ist richtig sauer. Das wäre ein Druckfehler. Ein Druckfehler? Bei der weltweit wichtigsten Ausstellung zeitgenössischer Kunst?

Ich glaube, diese documenta-Macher verarschen uns. Glaubt ihr wirklich, wir nehmen euch ab, dass eine Kreuzung hier »Katzensprung« heißt? Das dort ein Gießhaus sein soll, ist ein Gerücht. Da gießt keiner. Ich brauche auch echt keinen Plan, wo ich die Kunstwerke finde, das wäre mir zu einfach. Ich brauche auch keine Texterklärungen aus einem Tagebuch für Kunstwerk, die hier gar nicht stehen. Ich liebe allerdings die Ordnung der Künstler nach Datum. Ich liebe nicht die Internetseite, die immer mit einer langen Zickzacklinie anfängt. Kenner haben mir verraten, das wäre die Strecke von Kassel nach Athen. Mir reicht der Marsch vom Nordstadtpark mit dieser läppischen Pyramide zur Kunsthochschule, wo wir auch nix gefunden haben. Es gibt aber einen Künstler, der macht was mit Pferden. Und der heißt Ross.

Ich fotografiere die Erklärungen in den Räumen und baue mir meine eigene documenta. Ehrlich, wir brauchen euch nicht mit euren Map Booklets, Daybooks und Readers. Wir kaufen uns die Socken, das ist nützlich. Und einen Hocker.

Der Plan wird übrigens mit Kassel (0) bezeichnet. Was in etwa der Bewertung in Sachen Service entspricht. Ende mit dieser documenta. Wir kommen jetzt an einen Berg mit Terrassen aus Wein – sagt der Plan. Wobei kein Wein zu sehen ist. Ach, doch, da ist er, auf der Karte vom Neu-Kafé. Schreibt man das wirklich so? Mein Hund würde sagen: »Wir hatten gerade eineinhalb Tage Hardcore.«

Tag 12: »…«

Ich.
Schaue.
Dich.
An.
Und.
Sage.
Nichts.

Du bist da.

Und gehst vorbei.

Registrierst du mich?

Ja. Jetzt siehst du mich.

Du schaust mich an. Nur kurz. Dann schaust du weg.

Ich schaue dich weiter an.

Du schaust wieder zurück.

Ja, Du bist gemeint.

Ich schaue Dich an.

Ich durchdringe Dich mit meinem Blick.

Maria hat uns geraten, das zu tun.

Es fällt mir unendlich schwer. Doch ich tue es.

Dann bewege ich mich wieder.

Ein Stück.

Mit meinem Bein.

Ich strecke es.

Verharre in meiner Position.

Verharre weiter.

Verharre.

Weiter.

Du bist wieder da.

Weil: Du musst hier wieder vorbeikommen.

Es gibt keinen anderen Weg.

Ich.
Schaue.
Dich.
An.

Und sage: »…«