Tag 91: »Du siehst intelligent aus«

In einem Raum in der Neuen Galerie werden Dokumente von Beschlagnahmungen in jüdischen Haushalten und Versteigerungsprotokolle aus Auktionshäusern zur NS-Zeit projiziert. Die Künstlerin Maria Eichhorn erforscht und dokumentiert (lt. KUNSTFORUM International Bd. 248/249, Seite 339; der documenta-Website ist diese Information nicht zu entnehmen) »die Enteignung der jüdischen Bevölkerung Europa und deren Nachwirkungen bis in die Gegenwart«.

Eine junge Frau kommt herein. Durch den schnellen Hell-dunkel-Wechsel bleibt sie, wie alle Besucher, erst einmal abrupt stehen. Dann setzt sie sich. Kneift die Augen zusammen. Sie sagt etwas in den Raum, offensichtlich spricht sie mit sich selbst.

Zeit 0:00: »Ich verstehe das nicht.«

Zeit 0:08: »Sind das verschiedene Drogenarten?«

Zeit 0:11: »Mann, ist das klein geschrieben.«

Zeit 0:17: »Ich wusste, dass ich viel lesen muss.«

Zeit: 0.21: »Sind das Rechnungen?«

Sie kramt in der Tasche, findet nicht gleich das, was sie jetzt braucht. Es ist schon sehr dunkel. Es dauert. Da, eine Lesebrille kommt zum Vorschein.

Zeit: 0:36: »Ich sehe scheiße aus mit Brille.«

Zwei andere junge Frauen kommen dazu, setzten sich gleich hin, schauen auf die Projektion, schauen dann auf ihre Freundin.

Zeit 0:42: »Du siehst intelligent aus.«

(Zeit 0:49: Alle drei Frauen verlassen den Raum.)

Tag 88: »Was ist denn das Teuerste hier?«

Dann bitte noch vier von den Röhren inklusive Inhalt. 10.000 Parthenon-Bücher, original in Verpackungsfolie.  Die Blutmühle, bitte ohne Münzen und Blut. Obelisk Königsplatz –  zerlegt anliefern. 80 Rentierschädel, Stahldraht entfernen, auswaschen. 100 Flaschen Sufferhead, bitte einzeln vom Künstler signieren lassen. Alle Kissen aus dem Ballhaus, bitte nicht den Film. 20 Stück kleine Wegweiser, Zeigerichtung geradeaus und rechts. 430 Brote aus Nassib’s Bakery, glutenfrei für Vernissage/Catering New York. Knorr-Rauch in Flaschen 0,1. Wasser im Schachbecken, ebenfalls in Flaschen 0,1. Marmorzelt ohne Sockel. Alle Lehmbauten, Künstler zwei Tage dazu buchen wg. Erläuterungen. 200 kg Tofu mit Herkunftsnachweis Kassel. Panzerkissen komplett. Kleidung von den lustigen Frauen auf dem rosa Teppich im Postgebäude. Restware Arbeitsschuhe. Restware Seife. Eiswagen Orangerie. Beide Torwache-Gebäude inklusive Säcke. Documenta-Markenrechte für Asien und Ozeanien (nicht Athen) mit Option: jährliche Durchführung.

Gesamtpreis dann per Mail. Wir danken im Voraus für Ihre Mühe. Kontaktieren Sie uns bei Unklarheiten. Und bitte noch die Frage unseres Mandanten beantworten, als er in Kassel Station machte, dafür dann Extra-Angebot: »Was ist denn das Teuerste hier?«

Tag 87: »Du kannst ruhig da rein gehen und Seife kaufen«

Ein Paar ist auf Shoppingtour. Schon jetzt reich bepackt. Der Mann mit leuchtenden Augen.

»Da musste ich einfach zuschlagen: Zwei zum Preis von einem!«

»Eine Flasche Bier für vier Euro. Schnäppchen, würde ich sagen.«

»Ja, aber vorher acht Euro. Aber Deine Schuhe reißen es auch nicht wieder raus.«

»Moment mal, die gab es nur dort. Sonst nirgends. Zweiundfünfzig Euro.«

»Du hast unterschrieben, sie nur bei der Arbeit zu tragen!«

»Ach Gott, was man so unterschreibt.«

»Aha, Du willst Dich also nicht dran halten. Karma adé.«

»Warum sollte ich mich nicht dran halten? Ist doch süß, Schuhe nur für die Arbeit.«

»Sehen auch echt bequem aus, die Süßen.«

»Schuhe brauchen nicht bequem sein, sondern sollen schön aussehen.«

»Schöne Schuhe für die Arbeit, ich lach‘ mich tot.«

Sofort geht die Frau zwei Schritte schneller, der Mann kommt kaum nach. Sie schaut auf den documenta-Plan, der mit handschriftlichen Anmerkungen übersät ist.

»Jetzt noch in die Neue Galerie.«

»Was gibt’s da?«

»Seife!«

»Nö, echt jetzt? Teuer?«

»Ach was, alles Bio für zwanzig Euro.«

»Ich weiß gar nicht, ob ich das so genau wissen wollte.«

»Außerdem wird Dir alles genau erklärt: wo die Seife herkommt und so, die Landbevölkerung verdient was dran, die Transporte sind CO2-neutral und noch so Sachen.«

»Ich kaufe mir lieber zwanzig Stück Seife und scheiß auf Öko.«

»Wenn Männer entscheiden, geht die Welt halt unter.«

»Du willst jetzt echt nicht daraus so ein Frauen-Männer-Ding machen.«

»Bei Seife hört der Spaß auf.«

»Ach na ja, vielleicht kannst Du die Seife doch ganz gut gebrauchen.«

Die Frau geht wieder zwei Schritte voraus, stellt sich in die Schlange und liest demonstrativ im documenta-Plan. Der Mann sieht in Richtung Biergarten und ruft laut: »Du kannst ruhig da rein gehen und Seife kaufen.«

Tag 84: »Bitte nehmen Sie keine Haustiere mit in die Ausstellung«

Gerne lasse ich mich streicheln. Gerne auch jeden Tag. Nur: Lasst mich nicht allein. Dann fange ich fürchterlich an zu quieken. Ihr wisst das und deshalb darf ich mit. Überall hin. Erst recht zur Kunst. In einer extra Tasche mit Luftschlitzen. Kein Rucksack, wir sind ja nicht documenta-blöde. Wir kennen die Regeln, wir brechen die Regeln. Rucksack nein, Karl ja.

Karl bin ich, Cavia porcellus form. domestica aus dem Münsterland. Stubenrein selbstverständlich. Handzahm. Allergisch gegen Aufsichten jeder Art. Mucksmäuschenstill bin ich, ich raschele nicht dem Heu in meiner Tasche, ich bin cool. Lieblingsort natürlich die Neue neue Galerie, weil schön dunkel. Lieblingskunstwerk natürlich Parthenon, weil nichts verboten und alle sind frei (obwohl, halt, die Leute dort schätzen uns als Delikatesse. Nein, aber doch nicht Du, Martha). Lieblingslocation natürlich NEU-Kafé-Biergarten weil geschützte Grasfläche und liebe Thekenmannschaft mit Wasserschälchen.

Was wir echt gut können, ist flüchten. Und hey, das muss doch dem Schimtschick gefallen, seine Kunst ist doch Flucht und Vertreibung. Er muss uns einfach lieben. Wir haben außerdem das Komfortverhalten: entspanntes Dösen, mit dem Kopf auf dem Boden und lang ausgestrecktem Körper herumliegen. Das macht doch die Frau vom Schimtschick immer in den Henschel-Hallen. Wie gesagt, er muss uns einfach lieben.

Ich diktiere das hier mit Siri, denn Siri versteht jedes Wort in jeder Sprache. Gruß an Steve: Hey Mann, du bist der Größte. Ich kann leider nicht lesen, deshalb habe ich auch das Schild eben am Container übersehen: »Bitte nehmen Sie keine Haustiere mit in die Ausstellung.«

Tag 83: »Every single day there is a coincidence«

So durch die Welt gehen. In diesem Moment. Dem Zufall begegnen. Weil es geschieht. An jedem einzelnen Tag. Auch in dieser freudlosen Ausstellung. Freude ist doch in Dir drin. Bleibt. In. Dir. Drin. Beruhigend. Aufregend.

Durch den weißen Vorhang. Durch den schwarzen Vorhang. Hinein ins Dunkle. Auf den Kinosessel. Losschauen. Und dann erscheint es: »Every single day there is a coincidence.«

Tag 78: »Aber jetzt bin ich auch feddich, Du«

Laut ins Telefon: »Hier ist die Hustgruppe aus Solm.  Nein, wir können nicht länger warten. Wir müssen jetzt weiter. Wo sind Sie denn? Kenn‘ ich nich. Was ist denn da in der Nähe? Ach ja, die Bücher. Von da ist es nur ein paar hundert Meter zu uns. Sehen Sie die Straße? Sie sehen mehrere Straßen? Ja, stimmt, da ist ja eine Kreuzung. Gehen Sie doch in Richtung documenta-Halle. Nein, das ist nicht der Bau mit den Säulen. Wohin schauen Sie denn? Gut, dann drehen Sie sich jetzt mal um 90 Grad nach rechts. Was sehen Sie? Nein, wenn Sie eine Straßenbahn sehen, haben Sie sich nach links gedreht. Gut, was sehen Sie jetzt? Eine Straße, das ist gut. Gehen Sie mal los. Zur Straße, genau. Hallo? Ach, Sie müssen auf die Ampel achten. Das machen Sie gut. Sind Sie drüber? Noch auf der Mittelinsel? Gut, ich warte. Jetzt auf der anderen Seite, ah, das ist sehr gut. Sie müssten jetzt die documenta-Halle sehen. Vorne mit viel Glas. Sie sehen das? Ausgezeichnet. Ach, da ist ein Parkautomat drin? Nein, das ist Eingang zum Parkhaus. Sie müssen nach vorn schauen. Jetzt sehen Sie es? Sehr gut. Hat aber keine Glasfront? Doch, eben war da noch eine Glasfront. Das Theaterprogramm wird in einem Schaukasten angekündigt? Ah ja, dann ist es das Theater. Gehen Sie einfach weiter. Was sehen Sie? Einen Garderobencontainer?«

Wendet sich nach rechts: »Heidrun, war da ein Garderobencontainer? Heidrun? Wo ist sie denn schon wieder? Ach, da bist Du. War da ein Garderobencontainer, Heidrun? Gut, da war ein Garderobencontainer. Danke, das ist jetzt wirklich hilfreich.«

Wieder laut ins Telefon: »Sie müssen am Garderobencontainer noch vorbei. Dann kommt die documenta-Halle.  Das sehen Sie? Blendend. Sie sind drin? Ach Gott, nein.  Sie sollten doch nur dran vorbei gehen, wir sind doch nur wenige hundert Meter … Sie können nicht wieder raus? Müssen hinten durch und unten wieder raus? Sagt der Mann am Eingang? Ja, machen Sie das. Ich bleibe dran, ja.«

Wendet sich diesmal nach links: »Mein Gott, Heidrun. Das kann doch nicht so schwer sein, uns zu treffen. Ich werde noch wahnsinnig mit denen. Heidrun? Ach, da bist Du. Immer stellst Du Dich hinter mich.«

Nochmals laut ins Telefon: »Sie sind draußen? Machen ein kleines Päuschen? Weil es so anstrengend war? Himmel ja, machen Sie eine Pause. Ja, natürlich dort in diesem Biergarten. Ich kenne den Biergarten. Die Bratwurst ist ausgezeichnet.«

Heidrun ruft von hinten: »Und Hans-Helmut, hast du die Leute erreicht?«

Hans-Helmut läßt resigniert das Telefon sinken: »Nee, nich wirklich.«

Er will los. Heidrun setzt sich auf die Mauer: »Aber jetzt bin ich auch feddich, Du.«

Tag 77: »Ich glaub‘, hier ist nix«

Tür aufgemacht: Feuerlöscher!

Durch den Vorhang geschlüpft: Putzeimer!

Klinke gedrückt: Abgeschlossen!

Hinten rum gelaufen: Wand!

Ins Kino gegangen: Dunkel!

Rucksack zur Garderobe gebracht: Zu!

Nach einer Flasche vom Sufferheadbier gefragt: Es gibt nur zwei zum Preis von einer!

Schnell zu den Wüst-Bildern in der Neuen neuen Galerie: Hier nur Ausgang!

Unter den Absperrungen durchkrabbeln wollen: Gehen Sie bitte außen rum!

Einer Gruppe was vor den Bildern erzählt: Bitte gehen Sie weiter, das dürfen hier nur die Choristen!

Wasser aus der mitgebrachten Flasche trinken wollen: Hier dürfen Sie nicht trinken!

Aus Versehen ein Foto mit Blitz gemacht: No flash please!

Nach der Brücke am Rondell gefragt: Gibt’s nicht!

Nach der Halitstraße gefragt: Hä?

An die Fridericianumsschlange angestellt: Wir schliessen um 19.50 Uhr, der Hausmeister will abschließen!

Völlig fertig auf den Liegestuhl gesetzt: Können Sie bitte aufstehen, wir wollen Schluss machen.

Kein Klo. Kein Bewirtungsbeleg. Kein Aperol Spritz. Keine Kartenzahlung. Kein Bier vom Fass. Kein Papier im Klo. Keine Ahnung, wie auf der documenta-Website navigieren. Keine englische Speisekarte. Keine Führungen. Keiner, der auf Fragen antworten will. Kein Hotel mehr frei. Keine Ahnung, ob hier jemand bedient. Echt keine Ahnung.

»Ich glaub‘, hier ist nix.«

Tag 76: »Aber dann kommen wir nirgends mehr rein«

Die Neue-Galerie-Schlange schlängelt zum Palais Bellevue, verknotet sich dort mit der Bellevue-Schlange. Danach entknoten sich die Neue-Galerie- und die Bellevue-Schlange wieder und laufen parallel in Richtung documenta-Halle. Neuankömmlinge stellen sich an die kürzere der beiden Schlangen an und – landen im Palais Bellevue. Wenn sie bis in den zweiten Stock vorgedrungen sind, stoßen sie auf eine weitere Schlange: Es hat sich in den Sozialen Netzwerken herumgesprochen, dass hier das »Staubsauger-Video« gezeigt wird. Eine der wenigen documenta-Arbeiten, die lustig ist.

Ein Paar hat die Zwei-Schlangen-Struktur verstanden und sich für die Neue-Galerie-Schlange entschieden. Sie sind leidlich vorangekommen, dreißig Minuten in der prallen Sonne sind in etwa vergangen, so genau weiß das keiner mehr wg. wahrscheinlich Sonnenstich.

»Wer hatte eigentlich die Idee, nach Kassel zu fahren?«

»Du!«

»Ich meinte das ironisch!«

»Hilft Dir auch nichts, wir müssen warten.«

»Ich muss überhaupt nichts!«

Vor und hinter dem Paar wird von den Schlänglern interessiert gelauscht: Wer wird gewinnen?

»Du musst nicht, aber Du kannst.«

»Brauchst nicht einlenken, nur weil Du da rein willst.«

»Es soll sich lohnen.«

»Sagt wer?«

»Das art-Magazin, unsere Freunde, vorhin die Leute beim Parthenon.«

»Die Leute beim Parthenon? Von denen lasse ich mir überhaupt nichts sagen.«

»Die machten aber einen kompetenten Eindruck.«

»Pah, was bei Dir schon kompetent ist.«

Die Frau verstummt. Dreht sich ein Stück weg. Die Schlängern zweifeln an der eigenen Kompetenz. Warum überhaupt ist die Neue Galerie wichtig? Die pralle Sonne zermürbt alle.

»Nehme ich zurück. DU bist kompetent.«

»Ach, vergiss es, mach‘, was Du willst.«

Der Mann macht einen Ausfallschritt nach rechts aus der Neue-Galerie-Schlange heraus. Aufstöhnen in der Menge.

»Ich hätte jetzt Lust auf ein schönes, kaltes Bier.«

»Aber dann kommen wir nirgends mehr rein.«

Tag 73: »Das habe ich Dir so richtig abgenommen«

Wie viele Walks sind eigentlich möglich pro Tag? Drei? Vier? Fünf? Im Moment mache ich sechs Walks an einem Samstag. Dann bin ich heiser. Obwohl wir doch so gar nichts sagen. Nur fragen. Was läuft da falsch, Adam?

Ich habe meinen Namen vergessen. Ich schaue auf mein ChorusChorLegitimationsschild und da ist nur noch eine weiße Fläche. Ich bin niemand, ich habe mich inklusive meiner Identität entlernt. Ich habe es geschafft. Denn, so Adam, »die documenta 14 ist eine Übung der Zerbrechlichkeit« und ich bin zerbrochen. Zerbrochen wie die Glasfahnen von Costas Varotsos im Zwehrenturm.

»Dies ist eine einzigartige Bemühung, die nach einer gleichermaßen vielschichtigen Reaktion und nach mannigfaltigen Formen der Rezeption verlangt.« Sagt Adam und kann mich hier auf dem Friedrichplatz in meiner mannigfaltigen Form der vollkommenen Selbstaufgabe betrachten: Ich bin nicht Teil des Chors, ich bin Chor. Ich löse mich dann auf und bin ein Buch im Regal von Maria Eichhorn in der Neuen Galerie. Bin die Knarre bei Regina José Galindo im Stadtmuseum. Und die Frau, die vor dem Panzer weg läuft. Eine Faser im rosa Hassabi-Teppich. Verbranntes Holz von Andújar. Das letzte Stück Tofu in der Fabrik. Eine Glasscheibe von Yael Davids. Ein Stück Mahama-Kohlesack. Knorr-Rauch. Minke-Lehmziegel. Cool-Balducci-Klebeband. Galván-Elche-Romero-Münze. Geers-Stacheldraht. Eine Blume in der Denes-Pyramide.

Ich reiße mir die Gauri-Gill-Maske herunter und bin Arnold Bode. Ich fühle das gerade sehr stark.

Ich bin alles und nichts. Noch eine Aufnahme, ich schaue in das Smartphone, der Kameramann wartet auf mein Chor-Statement: »Eigentlich wollte ich auf die Osterinseln, bin dann aber in Kassel gelandet.«

»Das habe ich Dir so richtig abgenommen.«

Tag 48: »Och, das macht Dich krank oder?« 

Ich habe eine ganz besondere Erfindung gemacht. Mein Gerät pulverisiert Smartphones in einem Radius von 350 Metern. In Gebäuden ist es etwas weniger, um die 200 Meter. Es zerstört aber nur die Telefone, die den Abstand zu Menschen und Objekten von 40 Zentimetern unterschreiten. Wir reden hier echt von 40 Zentimetern!

Ich erlebe Handybesitzer, die bei einer Performance in der Neuen Galerie ihr Gerät im Abstand von 20 Zentimeter vor die Künstlerin halten. In der Henschelhalle sitze ich in der zweiten Reihe und verfolge 90 % des Geschehens über drei Bildschirme, die zwischen mich und der Kunst gehalten werden. Von Besitzern jeder Altersklasse. Während der Aufnahmen werden die Belichtungen korrigiert, ran- und weggezoomt, WhatApps zur Seite gewischt. Jedes Smartphone macht dabei »Klick« oder »Kalong«, wenn die Videoaufnahme beendet wird. Links von mir kommt eine Digitalkamera mit Serienbildfunktion zu Einsatz, der Fotograf schießt immer (immer!) drei oder vier Bilder, läßt dann die Kamera wieder auf seine Knie sinken. Als wäre überhaupt nichts geschehen. Um eine Minute später das nächste Dauerfeuer zu eröffnen. Es stört niemanden mehr. Es gibt keine Hinweise mehr, es nicht zu tun. Das Abendland ist untergegangen und nicht einmal die FAZ hat es gemerkt.  Ich liebe mein Smartphone, ich mache viele Bilder. Ich überlege mir nur, wann ich das tue. Ich bin allein mit dieser Entscheidung, alle anderen schießen um sich.

Meine Erfindung kommt jetzt bei jeder documenta-Veranstaltung zum Einsatz. Betrachten Sie das als Warnung. Und lesen Sie die Allgemeinen Geschäftsbedingungen auf Ihrer Eintrittskarte. Da wird auf die Pulverisierung bereits hingewiesen und jede Haftung ausgeschlossen. Sie bekommen aber eine recycelbare Tüte zum Aufsammeln der Überreste gratis bei jeder Aufsicht.

Ich erwache aus meinem Tagtraum. Meine Freundin hält mir ihr Smartphone vors Gesicht: »Och, das macht Dich krank oder?«

Tag 7: »You are standing but you are not still«

Zuerst ist da nur eine Glasscheibe. An die wird eine zweite gelehnt. Jetzt stehen sie von allein. Eine dritte folgt auf der anderen Seite. Dann schließt sich um mich herum der Glaszaun mit der vierten Scheibe.

Ich bin drin und schaue nach draußen. Ich kann nicht mehr hinaus, ohne die Scheiben zu zerstören. Was will ich? Nicht mehr hier sein! Mein Platz ist definitiv nicht hier. Sucht euch jemand anderen. Denn ich werde mich befreien, wenn ihr mich nicht gehen lasst.

Es wird unerträglich in diesem Raum. Zuerst 10, 20, dann 30 und schließlich 40 Leute. Schließt die Türen, bitte schließt die Türen.

Jetzt sind die Türen zu. Ich spreche meinen Text. Und ich spreche ihn gut. Ich fühle ihn nicht. Das war auch nicht die Anweisung. Wenn ich die Worte fühle, werde ich verrückt.

Ich halte es nicht mehr aus, ich will durch die Scheiben brechen. Die Kunst sagt zu mir: »You are standing but you are not still«

Tag 2: »Da möchte ich lieber die Seife kaufen für einen guten Zweck«

Und wenn ich mich jetzt einfach nicht mehr wasche? Ich habe mich, grob geschätzt, jetzt 45 Jahre selbst gewaschen. Immer raffiniertere Techniken entwickelt. Um gefallen zu wollen, vielleicht. Oder ganz bestimmt. Wer gut riecht, ist doch auch sonst gut! Somit ist jetzt das Waschen überflüssig, gut bin ich nur noch für mich selbst.

Wenn man dann verlassen wird, wird auch das Gutriechen egal. Wieder gefallen zu wollen, wieder jemanden zu finden? Das ist eine Vorstellung jenseits meiner Vorstellungen. Denn jetzt bin ich frei von dem, der sich »anders orientiert« hat. Wie sie wohl riecht? Das ist mein letzter Gedanke an diese andere. Punkt.

Als ich mich dafür entscheide, das Waschen aufzugeben, sagt meine Freundin: »Da möchte ich lieber die Seife kaufen für einen guten Zweck.«