Tag 79: »Da sind drei Stück gewesen. Alle geklaut«

Es gibt tatsächlich Menschen, die ihre Arbeit lieben. Ihre Arbeit bei der documenta lieben. Sich darum kümmern, dass Besucher den richtigen Weg finden zu den »Venues« (wie er das formuliert). Um jedes Schild bei seinen holländischen Grafik-Kollegen kämpft. Immer wieder erklärt, wie es besser geht. Erfahrung hat seit der documenta X und keiner will es hören. Dann Material kauft und selbst baut. Die richtige documenta14-Farbe kennt und am liebsten wieder in Athen drucken lassen würde – weyel die es als Einzige richtig hingekriegt haben. Leider wußte keiner mehr, wo das war. So wurde es eine Farbe »aus einer deutschen Epoche, die nicht so angenehm war«. Dann die Besucher lieber oben über die Straße führt statt durch die Unterführung. Dann Besenstiel-Schilder gegen massive getauscht. Dann endlich eine Pause macht und zwei Bilder malt, nur für sich. Dann an der Neuen Galerie vor getaner Arbeit steht und schaut und bemerkt, dass es wieder von vorne losgeht: »Da sind drei Stück gewesen. Alle geklaut.«

Tag 77: »Ich glaub‘, hier ist nix«

Tür aufgemacht: Feuerlöscher!

Durch den Vorhang geschlüpft: Putzeimer!

Klinke gedrückt: Abgeschlossen!

Hinten rum gelaufen: Wand!

Ins Kino gegangen: Dunkel!

Rucksack zur Garderobe gebracht: Zu!

Nach einer Flasche vom Sufferheadbier gefragt: Es gibt nur zwei zum Preis von einer!

Schnell zu den Wüst-Bildern in der Neuen neuen Galerie: Hier nur Ausgang!

Unter den Absperrungen durchkrabbeln wollen: Gehen Sie bitte außen rum!

Einer Gruppe was vor den Bildern erzählt: Bitte gehen Sie weiter, das dürfen hier nur die Choristen!

Wasser aus der mitgebrachten Flasche trinken wollen: Hier dürfen Sie nicht trinken!

Aus Versehen ein Foto mit Blitz gemacht: No flash please!

Nach der Brücke am Rondell gefragt: Gibt’s nicht!

Nach der Halitstraße gefragt: Hä?

An die Fridericianumsschlange angestellt: Wir schliessen um 19.50 Uhr, der Hausmeister will abschließen!

Völlig fertig auf den Liegestuhl gesetzt: Können Sie bitte aufstehen, wir wollen Schluss machen.

Kein Klo. Kein Bewirtungsbeleg. Kein Aperol Spritz. Keine Kartenzahlung. Kein Bier vom Fass. Kein Papier im Klo. Keine Ahnung, wie auf der documenta-Website navigieren. Keine englische Speisekarte. Keine Führungen. Keiner, der auf Fragen antworten will. Kein Hotel mehr frei. Keine Ahnung, ob hier jemand bedient. Echt keine Ahnung.

»Ich glaub‘, hier ist nix.«

Tag 74: »Ich will ein Bild von Dir neben der Micky Maus«

Mein Sohn schaut genau in die Kamera. Sein Mund ist leicht geöffnet. Seine blaue Mütze sitzt ein kleines bisschen schief. Wie immer mit dem Schirm nach hinten. Vorne quillen seine blonden Locken durch den Verschluss der Mütze. Sein Mund ist leicht geöffnet, zwei Vorderzähne kaum zu sehen. Er trägt eine gelbe Jacke mit einem großen, schwarzen Reißverschluss, der bis nach oben zugezogen ist.

Am interessantesten sind seine Augen. Sie sagen: »Ich bin so stolz, hier zu stehen. Mich kriegt hier keiner weg. Das ist mein Bild. Das ist mein Moment.« Hinter meinem Sohn steht eine Figur mit großen Augen und Ohren, gelber Fliege, roter Hose und Vier-Finger-Händen in weißen Handschuhen, die auf den Schultern meines Sohnes ruhen.

Ich habe einfach auf den Auslöser gedrückt. Erst heute, fast zwanzig Jahren später, schaue ich mir das Foto genau an, empfinde große Freude, dass dieser Mensch auf dieser Erde ist. Daran erinnere ich mich, als hinter mir jemand ruft: »Ich will ein Bild von Dir neben der Micky Maus.«

Tag 59: »Nur ne Sekunde, ich möchte mal ohne Menschen«

Auf dem Campingplatz. Nur ein Zelt ist aufgebaut. Jeder will drin sitzen.

»Jetzt zur ewigen Erinnerung.«
»Papi, du gehst ins Bild!«
»Das hast du alles geknipst?«
»Könnten Sie mal nen Meter vorgehen?«
»Jetzt Angelika, los, keiner da.«
»Ganz anders als im Bahnhof.«
»Nehmen Sie mal Platz.«
»Ich möchte ein bestimmtes Bild machen.«
»Die Männer müssen weg.«
»Du musst rein.«
»Da hat man mal ne andere Perspektive.«
»Ich denke, du wolltest da rein?«
»Ich möchte meinen Mann auch noch fotografieren.«
»Bleib noch einmal.«
»Jetzt drück mal drauf.«
»Zu dunkel!«
»Ich schalt noch mal aus und dann wieder ein.«
»Vorne drehen, dann kommts näher.«
»Von innen sieht man nix.«
»Gehst du mal aus dem Bild?«
»Sieht man doch gar nicht, ob du schon eins gemacht hast.«
»Warte mal, mehr ins Zelt, super.«
»Wir wollen da auch rein.«
»Das ist was eigenes.«
»Das hier ist mein Bett.«
»Wir wollen mal mit Zelt.«
»Aber bitte, bleib still.«
»Hermine, keiner drin, jetzt du.«
»Bitte lächeln.«
»Wollen se mal nen Schläfchen machen?«
»Das ist ja die Devise von dem Szymczyk: angucken, dabei reden, dann sich gegenseitig respektieren und nicht dabei aufeinander schießen.«
»Aber die Leute schießen doch, sehnse und jetzt sie auch.«
»Auf der Flucht nach Kassel.«
»Vorne ein schöner Ausblick.«
»Zu dritt geht es nicht.«
»Jetzt hammse Panorama eingestellt.«
»Schon jemand eingezogen?«
»Das ist kleiner, als man denkt.«
»Da haben wir jetzt nichts von Athen gelernt.«
»Nur ne Sekunde, ich möchte mal ohne Menschen.«

Tag 31: »Wir hatten gerade eineinhalb Tage Hardcore«

Alle sagen das: Die documenta will zu Fuß erobert werden. Ich könnte mir vorstellen, mal mit der Tram zu fahren. Wenn ich den documenta-Plan verstehen würde. Und dort die Haltestellen eingezeichnet wären. Ich komme von der Brücke am Rondell und bewege mich auf der Halitstraße Richtung Norden. Die Kasseler Straßenschilder kennen zwar den türkischen Platz, die Straße klingt aber eindeutig niederländisch. Wir wollen zu den Gottschalkhallen, die hier niemand kennt. Überhaupt kennt hier niemand irgendetwas. Ich komme mir vor wie am Nordpol. Der Mann eben hat behauptet, es gäbe eine Neue Galerie, aber keine Neue Neue Galerie. Er ist richtig sauer. Das wäre ein Druckfehler. Ein Druckfehler? Bei der weltweit wichtigsten Ausstellung zeitgenössischer Kunst?

Ich glaube, diese documenta-Macher verarschen uns. Glaubt ihr wirklich, wir nehmen euch ab, dass eine Kreuzung hier »Katzensprung« heißt? Das dort ein Gießhaus sein soll, ist ein Gerücht. Da gießt keiner. Ich brauche auch echt keinen Plan, wo ich die Kunstwerke finde, das wäre mir zu einfach. Ich brauche auch keine Texterklärungen aus einem Tagebuch für Kunstwerk, die hier gar nicht stehen. Ich liebe allerdings die Ordnung der Künstler nach Datum. Ich liebe nicht die Internetseite, die immer mit einer langen Zickzacklinie anfängt. Kenner haben mir verraten, das wäre die Strecke von Kassel nach Athen. Mir reicht der Marsch vom Nordstadtpark mit dieser läppischen Pyramide zur Kunsthochschule, wo wir auch nix gefunden haben. Es gibt aber einen Künstler, der macht was mit Pferden. Und der heißt Ross.

Ich fotografiere die Erklärungen in den Räumen und baue mir meine eigene documenta. Ehrlich, wir brauchen euch nicht mit euren Map Booklets, Daybooks und Readers. Wir kaufen uns die Socken, das ist nützlich. Und einen Hocker.

Der Plan wird übrigens mit Kassel (0) bezeichnet. Was in etwa der Bewertung in Sachen Service entspricht. Ende mit dieser documenta. Wir kommen jetzt an einen Berg mit Terrassen aus Wein – sagt der Plan. Wobei kein Wein zu sehen ist. Ach, doch, da ist er, auf der Karte vom Neu-Kafé. Schreibt man das wirklich so? Mein Hund würde sagen: »Wir hatten gerade eineinhalb Tage Hardcore.«

Tag 23: »Kommt ja überall vor: Traurigkeit und Feinde«

Meine Damen und Herren, ich habe die außerordentliche Freude, Sie heute auf der documenta 14 begrüßen zu dürfen. Als Rechtsanwalt und Notar stehe ich der Kunst ja als Betrachter gegenüber und frage mich oft: Was soll das? Das aber, meine Damen und Herren, ist gar nicht die Frage. Die Freiheit der Kunst ist ja auch die Freiheit der Deutungslosigkeit. Wir deuten auch nicht unsere Mandanten, sondern machen jeden Tag unsere Arbeit im Dienste der Menschheit. Ja genau, so hoch können wir heute schon einmal den Anspruch hängen, meine Damen und Herren. Denn was wäre die Welt ohne uns? Eine bessere Welt? Ganz sicher nicht, meine Damen und Herren. Eine Welt ohne uns wäre eine traurige Welt ohne außergerichtliche Einigungen, ohne Grundbücher, ohne das Recht, auch Recht zu bekommen. Lassen Sie sich durch diese documenta treiben, reflektieren Sie sich mit der Kunst, stellen Sie sich in Frage, meine Damen und Herren, kommen Sie den Ursprüngen Ihres Dasein auf die Spur, seien Sie einmal Sie selbst, lassen Sie den Anwalt Anwalt sein, den Notar Notar. Erleben Sie sich in dieser freien Welt der Künste. Ich wünsche Ihnen, meine Damen und Herren, einen ereignisreichen und lehrreichen Tag. Auf das Sie ein Anderer sind am Ende dieses Tages.

Eine Mutter steht im Hintergrund und sagt zu ihrem Sohn: »Kommt ja überall vor: Traurigkeit und Feinde.«

Tag 21: »Während wir schliefen, stieg das Wasser und war überall«

Wie ist das, wenn die eigene Sprache ausstirbt? Nur noch ich diese Sprache spreche, mich keiner mehr versteht? Und keiner mehr noch lernen will, mich zu verstehen?

Ich lebe auf der indischen Insel Andamanen. Ich höre den Klang meiner Stimme. Spreche immer wieder. Liege hier mit meinen 85 Jahren. Und weiß: Jetzt sterbe ich. Und mit mir die Sprache. Sie verschwindet mit mir. Nach 65.000 Jahren ist meine Sprache nun verschwunden. 

Nein, ich nehme sie mit, ich bewahre unsere Sprache. Für alle Zeiten. In meinem Herzen. Ich atme noch einmal, dann gehen wir. Wir beide.

Es ist völlig dunkel im Raum, auf der Leinwand bewegt sich ein dünner Strich zum Klang dieser Stimme. Dann hört die Bewegung auf. Im Untertitel ist noch zu lesen: »Während wir schliefen, stieg das Wasser und war überall.«