Tag 100: »Wir stehen hinter der documenta 14«

100:TAGE:DOCUMENTA:STORYS:Tag 100 »Wir stehen hinter der documenta 14.«

Wir gehen nicht sang- und klanglos heim. Wir lassen uns nicht einschüchtern. Wir bringen es würdig zu Ende. Wir bedanken uns anständig bei den Besucher_innen. Wir haben gearbeitet bis zum Umfallen. Zum ersten Mal in unserem Leben habe wir zwei documenta-Ausstellungen gleichzeitig begleitet. Wir sind geschafft, aber wir geben nicht auf. Die documenta 15 ruft und sie wird, wie ein Phönix aus der Asche, wieder hier in Kassel entstehen.

Jetzt sind wir hier am Fridericianum, es ist Tag 100, gleich schließen die Türen der d14 für immer. Wir haben keine Angst, wir machen diese Aktion einfach, wir halten das Banner hoch: »Wir stehen hinter der documenta 14.« #documenta #d14 #kassel #100tage100storys

Tag 85: »Politische Emotionen der Freude entwickeln«

Wenn wir wollen, können wir richtig Gas geben.

Inspiriert vom Werk des argentinischen Konzeptkünstlers und Schriftstellers Roberto Jacoby, stellt diese dreitägige Veranstaltung ein kritisches und performatives Treffen von Künstler_innen, Aktivist_innen, Denker_innen, Tänzer_innen und Dichter_innen dar, die als Kollektiv daran arbeiten, in Zeiten rassistischer Wut, neo-nationalistischer Angst und neoliberaler Depression politische Emotionen der Freude zu entwickeln.

Inspiriert von der neoliberalen Angst arbeitet das Kollektiv von Emotionen_innen, Wut_innen und Freunde_innen daran, performative Konzepte kritisch zu inspirieren.

Rassistische Freude, gepaart mit Kritik und Performation, arbeitet in politischer Freude an Emotionen und – Angst. Jacoby-Konzepte aus Argentinien! Wut!

Freude, Werk, Nationalismus treffen auf Denker_innen, Tänzer_innen, Mitglieder_innen, Aktivist_innen.

Depressiver Neoliberalismus, ängstlicher Nationalismus – konzipiert von wütenden Rassisten, emotionalen Politikern und veranstaltet für drei Tage in Freude und Werk.

Schrift stellen, künstlern, tanzen, denken, dichten, kollektiven, performativen, entwickeln, arbeiten, ängsteln, politisieren. Alles in Zeiten rassistischer Depression, neonationalistischer Wut und neoliberaler Angstfreude.

Wir sind, was wir sagen, wir sagen, was wir sind und wir werden, yeah, ich schreie es für euch jetzt heraus, wir werden »politische Emotionen der Freude entwickeln«.

Tag 77: »Ich glaub‘, hier ist nix«

Tür aufgemacht: Feuerlöscher!

Durch den Vorhang geschlüpft: Putzeimer!

Klinke gedrückt: Abgeschlossen!

Hinten rum gelaufen: Wand!

Ins Kino gegangen: Dunkel!

Rucksack zur Garderobe gebracht: Zu!

Nach einer Flasche vom Sufferheadbier gefragt: Es gibt nur zwei zum Preis von einer!

Schnell zu den Wüst-Bildern in der Neuen neuen Galerie: Hier nur Ausgang!

Unter den Absperrungen durchkrabbeln wollen: Gehen Sie bitte außen rum!

Einer Gruppe was vor den Bildern erzählt: Bitte gehen Sie weiter, das dürfen hier nur die Choristen!

Wasser aus der mitgebrachten Flasche trinken wollen: Hier dürfen Sie nicht trinken!

Aus Versehen ein Foto mit Blitz gemacht: No flash please!

Nach der Brücke am Rondell gefragt: Gibt’s nicht!

Nach der Halitstraße gefragt: Hä?

An die Fridericianumsschlange angestellt: Wir schliessen um 19.50 Uhr, der Hausmeister will abschließen!

Völlig fertig auf den Liegestuhl gesetzt: Können Sie bitte aufstehen, wir wollen Schluss machen.

Kein Klo. Kein Bewirtungsbeleg. Kein Aperol Spritz. Keine Kartenzahlung. Kein Bier vom Fass. Kein Papier im Klo. Keine Ahnung, wie auf der documenta-Website navigieren. Keine englische Speisekarte. Keine Führungen. Keiner, der auf Fragen antworten will. Kein Hotel mehr frei. Keine Ahnung, ob hier jemand bedient. Echt keine Ahnung.

»Ich glaub‘, hier ist nix.«

Tag 61: »Wir machen jetzt mal eine Pippi-Pause, auch für mich«

»Die documenta 14 sucht engagierte Personen, die Interesse haben, mit den Besucher_innen eine offene Diskussion über zeitgenössische Kunst zu führen.
Die Mitglieder des Chors verbinden die Besucher_innen mit der documenta 14. Ihre Aufgabe ist es, auf die Interessen und Bedürfnisse der Besucher_innen einzugehen sowie Dialoge, Diskussionen und Debatten anzustoßen, die sich in der Auseinandersetzung mit den Arbeiten der documenta 14 sowie damit verbundenen soziopolitischen und geografischen Kontexten ergeben. Während der Chor traditionell eher im Theater verortet ist, wo er mit einer gemeinsamen Stimme spricht und agiert, sollen die Besucher_innen der documenta 14 gemeinsam mit den Mitgliedern des Chors einen neuen, vielstimmigen Zugang entwickeln. Bewerber_innen für den Chor sollten offen und freundlich sein, enthusiastisch sehen, zuhören und nachforschen können, gern diskutieren, sich mit anderen austauschen und Konzepte zeitgenössischer künstlerischer Praxis hinterfragen.«

Choristen erklären ja nicht viel, sie fragen uns immer. Aber manchmal, ganz manchmal, das sagen sie auch etwas erleichterndes: »Wir machen jetzt mal eine Pippi-Pause, auch für mich«

Tag 48: »Och, das macht Dich krank oder?« 

Ich habe eine ganz besondere Erfindung gemacht. Mein Gerät pulverisiert Smartphones in einem Radius von 350 Metern. In Gebäuden ist es etwas weniger, um die 200 Meter. Es zerstört aber nur die Telefone, die den Abstand zu Menschen und Objekten von 40 Zentimetern unterschreiten. Wir reden hier echt von 40 Zentimetern!

Ich erlebe Handybesitzer, die bei einer Performance in der Neuen Galerie ihr Gerät im Abstand von 20 Zentimeter vor die Künstlerin halten. In der Henschelhalle sitze ich in der zweiten Reihe und verfolge 90 % des Geschehens über drei Bildschirme, die zwischen mich und der Kunst gehalten werden. Von Besitzern jeder Altersklasse. Während der Aufnahmen werden die Belichtungen korrigiert, ran- und weggezoomt, WhatApps zur Seite gewischt. Jedes Smartphone macht dabei »Klick« oder »Kalong«, wenn die Videoaufnahme beendet wird. Links von mir kommt eine Digitalkamera mit Serienbildfunktion zu Einsatz, der Fotograf schießt immer (immer!) drei oder vier Bilder, läßt dann die Kamera wieder auf seine Knie sinken. Als wäre überhaupt nichts geschehen. Um eine Minute später das nächste Dauerfeuer zu eröffnen. Es stört niemanden mehr. Es gibt keine Hinweise mehr, es nicht zu tun. Das Abendland ist untergegangen und nicht einmal die FAZ hat es gemerkt.  Ich liebe mein Smartphone, ich mache viele Bilder. Ich überlege mir nur, wann ich das tue. Ich bin allein mit dieser Entscheidung, alle anderen schießen um sich.

Meine Erfindung kommt jetzt bei jeder documenta-Veranstaltung zum Einsatz. Betrachten Sie das als Warnung. Und lesen Sie die Allgemeinen Geschäftsbedingungen auf Ihrer Eintrittskarte. Da wird auf die Pulverisierung bereits hingewiesen und jede Haftung ausgeschlossen. Sie bekommen aber eine recycelbare Tüte zum Aufsammeln der Überreste gratis bei jeder Aufsicht.

Ich erwache aus meinem Tagtraum. Meine Freundin hält mir ihr Smartphone vors Gesicht: »Och, das macht Dich krank oder?«

Tag 45: »Der Soldat stirbt nicht, er ist unsterblich«

Es ist die letzte Runde. Die Besucher verlassen das Gebäude. Immer treffe ich Menschen, die noch vor einer Arbeit stehen. Versunken sind. Gar nicht realisieren, dass es zu Ende geht. Es ist fast so, als würde ich sie aufwecken. Dann erschrecken sie. Sie waren in einem Traum. Ich bin der Aufwecker, der Rausreißer, der Realitätszurückbringer. Ich bin es gern. Nichts entgeht mir. Jeder Fleck an der Wand wird übermalt, damit alles wieder strahlend weiß ist. Jedes Absperrseil wird zurecht gerückt. So gut wie nie finde ich Müll. Keiner schmeißt was weg. Verliert manchmal etwas. Einen Notizzettel mit dem Namen von Künstlern. Ein Ausstellungsplan mit Anmerkungen wie »Ja!« oder »?« oder »noch tiefer ergründen«. Vorbei. Plan verloren. Tieferen Grund verpasst. Ich stecke dann den Plan ein und nehme mir vor, es am nächsten Tag für den Besucher zu tun: tief zu ergründen. Das darf nicht ungetan bleiben. Dann fehlt etwas. Es darf nichts fehlen. Die documenta ist immer vollständig. Bis zum siebzehnten September. Dafür bürge ich.

Von uns gibt es viele. Wie ein kleine Armee durchstreifen wir die heiligen Hallen am Abend um 20 Uhr 13. Ich schalte, wie immer an diesem Abend, den Beamer im ersten Stock aus. Die letzten Worte auf der Leinwand sind »Der Soldat stirbt nicht, er ist unsterblich«.

Tag 44: »1008 Einwohner, da kann ich dir auch noch was beibringen«

(Mutter und Tochter laufen durchs Fridericianum. Man wird als Betrachter den Eindruck nicht los, dass die Mutter Kunstwerk für Kunstwerk abhaken will. Die Tochter schaut interessiert, wahrscheinlich kennt sie das seit Jahren und tut ihrer Mutter den Gefallen. Die Mutter hat einen Stapel Zettel mit handschriftlichen Notizen, auf die sie immer wieder schaut)

(Mutter sagt:) »Hier siehst du eine Arbeit von Emily Jacir. Sie thematisiert mit dem Flüchtlingszelt die bedrückende Lage des Übergangs.«
(Tochter denkt:) »Das Zelten mit Anne-Sophie war so toll, die ganze Nacht haben wir geredet.«

»Der Abacus von George Lappas, das kennst du noch oder?«
»Ob Finn das nächste Mal beim Zelten mitkommt? Das wäre toll. Er ist so gut in Mathe.«

»Andreas Lolis Skulpturen sind aus Marmor, das sieht man gar nicht auf den ersten Blick.«
»Und ich habe nackt auf dem Marmor beim letzten Urlaub gelegen, so stark war mein Sonnenbrand.«

»Kendell Geers, hier liegen riesige Stacheldraht-Rollen in Regalen, die jederzeit zum Einsatz kommen können.«
»Die du am liebsten um mein Zimmer wickeln würdest, damit ich drin bleibe und nix böses tue. Bei dir bleibe.«

»Ein Panzer aus Schaumstoff von Andreas Angelidakis, Polemos ist der Titel.«
»Wie dein Panzer um dich herum. Wann sagst du mir endlich mal, wie du dich wirklich fühlst nach der Trennung von Papa und lügst mich nicht an?«

(Die Mutter steigert das Tempo, je weniger die Tochter etwas sagt. Verzweiflung im Blick)

(Mutter sagt:) »Der Webstuhl von Janine Antoni, mit REM-Dekodierer, die gewebte Decke reicht bis zum Bett.«
(Tochter denkt:) »Ich bin so müde, darf man sich da reinlegen? Einfach wie früher, als Papa noch da war. Einfach hinlegen.«

»George Hadjimachalis hat auf diesem Tisch die Begegnung von Ödipus mit seinem Vater thematisiert.«
»Wenn wir uns jemals an einer Kreuzung treffen, thematisiere ich das mit Schlauchbooten im Atlantik. Mit zwei roten Ampeln mitten im Meer.«

»Gary Hill in einer Performance«
»Rennt der Typ tatsächlich immer wieder gegen die Wand? Tatsächlich. Cool. Genau wie bei uns.«

»Bill Violas Welle erfasst die Protagonisten, sie werden komplett nass, wie auf einem Flüchtlingsboot.«
»Wohin würdest du flüchten, wenn du könntest? Vor was hast du Angst? Einer neuen Beziehung? Mach‘ es, mach‘ es einfach. Tu mir den Gefallen.«

(Mutter sagt:) »1006 Einwohner hat die Insel Nisyros, auf der Panos Kokkinias die Menschen mit ihren Fotoapparaten und Handys portraitiert hat.«
(Tochter hat, wie auf dem Foto des Künstlers, ihr Handy in der Hand und sagt zum ersten Mal etwas:) »1008 Einwohner, da kann ich dir auch noch was beibringen«

Tag 43: »Das ist jetzt die Alternative zum Starnberger Häuschen: ein Flüchtlingszelt«

Als Immobilienmakler muss man mit der Zeit gehen, sonst geht man mit der Zeit. Das ist mein Motto. Wir haben ja einen Boom, aber die Leute wollen auch immer mehr die ausgefallenen Locations. Die Ansprüche! Ich sage es ihnen. Wenn es teuer wird, wollen wir auch mitreden. Sagen meine Kunden. Und reden und reden. Als Psychotherapeut würde ich mehr verdienen.

Der Wind dreht gerade. Wir haben Ferienwohnungen in der Türkei verkauft. Massenweise. Die Leute waren verrückt drauf. Fahren die da jetzt noch hin? Und melden sich vorher in der deutschen Botschaft an? Polen? Ungarn? England? Alles durch, die Angst siegt. In Italien brennt es, in Portugal auch. Auf Malle nur noch Zäune. Auf Sylt kriegen sie nichts mehr, seid Jahren nicht mehr. Usedom ist genauso schlecht. Kassel boomt. Kassel! Du kriegst die Motten.

Die meisten Flüchtlingsunterkünfte stehen leer. Da geht was. Aber wollen wir das wirklich? Mein Freund aus Jugendtagen sagt: »Das ist jetzt die Alternative zum Starnberger Häuschen: ein Flüchtlingszelt.«

Tag 40: »Es gibt nie eine Erklärung dazu«

Ich habe mich entschlossen, die Erklärungszettel bei der documenta 14 komplett einzusammeln.

Ist Ihnen schon aufgefallen, dass immer wieder Zettel fehlen? Das bin ich aber nicht! Ich mache das viel einfühlsamer. Ich tausche die Zettel aus – mit meinen Erläuterungen der Kunstwerke. Bisher ist das nicht aufgefallen. Das soll es auch nicht, es ist ein diskursiver Prozess. Ich stelle mich manchmal dazu und höre hin, wenn die Besucher meine Erklärungen diskutieren.

Ich bin meine Performance, die documenta spricht mir aus dem Herzen: »Dieses performative Zusammenkommen etabliert keine Hierarchien zwischen sich radikal unterscheidendem Wissen, Sprachen und Praktiken, zwischen Aktivismus und Performance, zwischen Theorie und Poesie, zwischen Kunst und Politik: Kollektiv versuchen wir uns an der Herstellung eines öffentlichen Raums der Sichtbarkeit und der Artikulation.« Das mache ich! Immer zwischen!

Ich handele strikt nach dem Prinzip von Herrn Szymczyk. Ich werde Teil des »denkenden Organismus« dieser documenta. Ich setze mich »dem Unverständlichen aus«. Ich denke selbst. Das haben alle Choristen von mir in den Walks immer wieder verlangt. Ich habe meine eigenen Gedanken aufgeschrieben, in das documenta-Layout gebracht und aufgehängt.

Die Frau neben mir sucht einen Erklärungszettel, ich weiß, wo er ist, sie weiß es nicht: »Es gibt nie eine Erklärung dazu«

Tag 39: »Weisst du, was das ist? Nein, das ist Null (0)«

Wir wollten Gutes tun. Wir haben den Prometheus entfesselt.

Wir wollten Orientierung geben. Wir haben mit neuen Straßennamen verstört.

Wir wollten alles richtig machen. Wir haben den Geist aus der Flasche gelassen.

Wir wollten Neville Brody sein. Wir sind Mevis & van Deursen.

Wir wollten Geschichte schreiben. Wir haben die Büchse der Pandora geöffnet.

Wir wollten Kassel ordnen. Wir haben von Athen nichts gelernt.

Wir wollten der Welt einen documenta-Plan geben. Wir haben ein Monstrum erschaffen.


Im Vorbeigehen höre ich das, was ich immer höre: »Weisst du, was das ist? Nein, das ist Null (0)«

(Danke an Tina für die Fotos)

Tag 38: »Ein zu weitgehender Ehrgeiz«

Werner und Arnold gucken von hier oben postmortem zu und sagen: Vieles gefällt uns gar nicht, einiges schon und wir würden gerne mal wieder lachen. So wie bei den Erdbeeren und den Hunden vor fünf Jahren. Das Staubsaugervideo im Bellevue ist prima.

Wirklich herzallerliebst sind die Studenten da in der Kunsthochschule. Nein, nicht wegen der vielen Bilder von mir und dem einen von Werner. Sondern: weil sie sich so mit unser ersten Ausstellung beschäftigen. Was für ein Theater hatten wir damals. Auch sehr, sehr schön sind die Fotos von Hans Haacke im Fridericianum. Der Junge mit dem Micky-Maus-Heft! Den haben wir gestern wieder gesehen, am Parthenon! Wieder mit leuchtenden Augen, wieder beim Micky-Maus-Heft. Kaum gealtert seit 1959.

»Wir meinen aber, man könnte etwas Neues versuchen.« Gruß an Bernd Leifeld, der hatte den Spruch immer in seinem Büro. Plus das Bild von Gerhard, was Ihr in der Neuen Galerie noch mal angucken könnt. Wie schrieb doch der Gutachter Kurt Martin (gerade heute morgen habe ich ihn getroffen und er bereut seine Aussagen langsam) über die internationale Ausstellung der Kunst des 20. Jahrhunderts als Aufgabe für Kassel: »Ein zu weitgehender Ehrgeiz.«

Tag 29: »Man muss das gar nicht wegdenken«

Ich stehe heute Morgen vor dem Spiegel und entscheide, den ganzen Tag auf Deutsch zu denken.

Als erstes denke ich mir jetzt einen Satz aus, in dem alle meine Lieblingsbegriffe vorkommen: Die Trennlinie zwischen dem Prozess und der Stille ist die Partitur zur Flucht vor Gesellschaften, die im Parlament der Körper von Athen lernen, sich linksradikal in 34 Freiheitsübungen zu restituieren, um Hegemonie mit Hilfe der Spaziergangswissenschaften in der Himmelsrichtung South as a State of mind die Masken von den Gesichtern zu reißen – außerdem habe ich gerade Hunger.

Als nächstes werde ich diesen Satz wieder entlernen. Denn sonst sind wir alle dem Untergang geweiht. Oder vielleicht doch nicht? Eine unserer Choristen sagt gerade zu einer Gruppe: »Man muss das gar nicht wegdenken.«

Tag 25: »Sitzen die Leute endlich im Gefängnis?«

Wenn Du noch ein einziges Mal über die Linie trittst, schmeiß‘ ich Dich raus. Du machst das doch extra. Ich kenne Typen wie Dich. Es sieht ja keiner, denkst Du dir.

Doch, ich sehe Dich! Ich bin höflich, ich sage Dir, dass Du hinter der weißen Linie bleiben muss. Du schaust mich unschuldig an und trittst in gespielter Demut zurück auf die richtige Seite. Ich weiß ganz genau, dass Du dort nicht bleiben wirst. Du willst mir zeigen, wer hier die Macht hat. Weil Du eine Eintrittskarte gekauft hast?

Wieder respektierst Du die Grenze nicht. Deine Hand geht nach oben, Du zeigst mit dem Finger. Zentimeterkurz vor dem Bild hältst Du inne, ich sehe Deinen Seitenblick zu mir. Ich spreche nur mit den Augen und weiß, dass Du weißt, was Du tust. Es gibt keine Regeln für Dich.

Denkst Du. Ich kenne hier alle Regeln und ich werde sie anwenden. Das ist meine Berufung. Ich unbedeutende Aufsicht bin meiner Berufung ganz nah hier in diesem Raum. Mit den Arbeiten, die ich liebe.

Noch eine Sekunde, da, jetzt bist Du drüber. Mit beiden Schuhen. Ich sammele meine Kraft und schreie Dich an, ich habe hier nämlich Hausrecht. Genau das schreie ich Dir zu. Dass Du jetzt hier rausfliegst. Um mich herum wird es still. Alle schauen mich. Ganz ruhig werde ich.

Im nächsten Raum fragt ein Besucher im Vorbeigehen: »Sitzen die Leute endlich im Gefängnis?«

Tag 24: »Wann werden wir für die E-Mails bezahlt, die wir nachts schreiben?«

Wenn wir mit den Besuchern einen Spaziergang über die documenta 14 machen, sollen wir dann möglichst geräuschlos funktionieren? Ich meine: Nein. Ich will Zugänge schaffen und die Menschen anregen, sich mit der Kunst zu beschäftigen. Deshalb bin ich hier, nicht wegen der Bezahlung, wie viele vielleicht glauben. Prekär ist es nicht nur für die Künstler, prekär ist es für den ganzen Kunstbereich, mich eingeschlossen. Tja, werden Sie dann sagen, warum haben Sie denn nichts Vernünftiges gelernt?

Da würde ich einhaken und mit über die Vernunft sprechen. Wenn Sie wollen.

Über das Lernen würde ich auch mit Ihnen sprechen. Da haben Sie dann mal keine Wahl, da müssen Sie durch in meinem Walk. Auch wenn ich eine Gruppe mit Sparkassenmanagern habe, mache ich das. Die wollen ja immer schnell bei allem vorbei, gucken sich so zwanzig Sekunden ein Video an. Ich glaube ja, diese Manager haben bald viel mehr Zeit, als ihnen lieb ist. Die können nicht mehr in der eigenen Küche sitzen, essen ihr Brötchen im Stehen, laufen aus dem Haus – und setzen sich auf die nächste Park“bank“, weil die Sparkassenarbeit ja ausgegangen ist. Keine Zinseinnahmen mehr, Personal überflüssig.

Vielleicht erinnern Sie sich dann an meine Gedanken zu einem Kunstwerk und bereuen, gleich weiter gegangen zu sein. Wenn es dafür gut ist, freue ich mich für Sie. Wenn Sie also in Zukunft an mich denken, freue ich mich schon in dieser Gegenwart. Das ist Kunst. So eine ganz konkrete Gegenwartskunst.

Auf meiner Choristen-Tasche steht: Seien Sie so frei, mich zu meinen Arbeitsbedingungen zu fragen. Ich habe für die Vorbereitungswochen kein Geld bekommen, meine Reisekosten selbst bezahlt. Die documenta-Spaziergänge sind outgesourct, die Agentur behält eine Provision ein, die höher ist als meine Entlohnung pro Gruppe. Ich frage mich: »Wann werden wir für die E-Mails bezahlt, die wir nachts schreiben?«

Tag 22: »Es ist nicht alles Schrott, was aussieht wie Schrott«

Schreib‘ mal, wo du bist.😎

Ich habe keine Ahnung, wo ich bin.😳

Schon in Kassel oder?🎯

Stand zumindest am Bahnhof dran 🚂🚃🚃🚃🚃🚃

Und von da bist du wohin?💡

Mit der Tram in die Stadt und da ausgestiegen, wo die meisten Leute waren 👩‍👩‍👧‍👧👨‍👩‍👧‍👧👨‍👩‍👦‍👦👩‍👩‍👦‍👦👨‍👩‍👧‍👦👩‍👩‍👧‍👦👩‍👩‍👧

Am Parthenon?🗽

Warte mal, ich frage ……. Ja, das heißt Parthenon.🎪

Hast du ein verbotenes Buch entdeckt?📙

Wo sind denn hier Bücher?📚

Die hängen dort unter Plastik.🖱

Ach, jetzt sehe ich es. Gehe mal die Treppe hoch🤸🏼‍♂️

Halt, halt, mach das lieber nicht⁉️

Zu spät, bin oben. Hammer🔨

Nein, du bist falsch, der Hammer ist weiter hinten in der Aue⛏

Ich finde Micky-Maus-Hefte🐀

Ja, komm mal runter. Kunst ist kein Spaß🚷

Doch, ist extrem spaßig. Ein Hund pinkelt an Thomas Mann🐕🥃

Also, wollen wir uns überhaupt noch treffen?👥

Ach, nicht gleich so eingeschnappt. Klar will ich dich treffen. Wo?🔃

Hast du eine Eintrittskarte?🎟

Ja Mann😇

Dann komm‘ ins Fridericianum⛩

😖😡😳 Gibt hier kein ⛩

Kleiner Scherz – das Gebäude mit den Säulen 🏛🏛

Ja, sehe ich, sehe ich. Komme rein.🚶🏼‍♀️🚶🏼‍♀️🚶🏼‍♀️🚶🏼‍♀️🚶🏼‍♀️🚶🏼‍♀️🚶🏼‍♀️🚶🏼‍♀️

2. Stock 🔝

Sehe einen Panzer aus Schaumstoff🔫💣

Ist Erdgeschoss ⬇️

Weiß ich Mann, gehe die Treppen💡

2. Stock😴💤💤

Bleib locker bin gleich da 🔜

Wenn du um die Ecke kommt, siehst du schon den Schrott.⛓🔩🛒🔗

Wie jetzt, Schrott?⚰️

Es ist nicht alles Schrott, was aussieht wie Schrott.

Tag 19: »Wo kann man sich abtrocknen?«

Ich sehe die Wellen nicht kommen. Sie kommen von beiden Seiten. Sie hauen mich fast um. Noch stehe ich. Um mich herum fallen immer mehr Menschen. Wo ist die Frau im gelben Pullover? Wo der junge Mann mit den Kopfhörern? Der Mann mit dem Buch? Ich sehe nichts mehr. Das Wasser ist überall an mir und in mir. Das Boot mir den Flüchtlingen wankt, die Wellen schlagen über uns zusammen.

Dann gehe ich raus, raus aus Boot, raus aus diesem Film. raus diesem Raum. Erleichtert frage ich: »Wo kann man sich abtrocknen?«

Tag 11: »Sei mal ein Teil des Kunstwerks«

(Kurz nach Mittag, die Temperaturanzeige an der Volksbank zeigt 35 Grad. Am Ticketcontainer im Hintergrund gibt es einen Tumult: Die Dauerkarten sind ausverkauft)

»Müssen wir noch da rein? So eine lange Schlange.«

»Ist doch das Hauptgebäude. Dauert bestimmt nicht lange.«

»Mir geht diese ganze Kunst langsam auf den Geist. Außerdem habe ich Durst.«

»Kunst macht durstig.«

»Und blöd, wenn ich dir so zuhöre.«

(In der Schlange geht es nicht voran. Am Eingang werden um Zentimeter gefeilscht: Darf die Tasche noch mit rein darf oder nicht? Wie am Flughafen versucht eine Frau, ihren Rucksack so zu falten, dass er noch in den Aufsteller passt, der die Maße für erlaubte Taschen vorgibt. Rucksäcke sind aber nicht erlaubt, grundsätzlich nicht)

»Hier drin soll es eine Klimaanlage geben.«

»Ja genau, kühl ist die Kunst besser zu ertragen. Was hast du überhaupt für ein Verständnis von zeitgenössischer Kunst?«

»Kenn ich schon von dir. Wenn du Hunger oder Durst hast, wird es grundsätzlich. Ich bin ganz locker, kühler Kopf gehört für mich zum Denken.«

(Die Verhandlungen am Eingang haben ihren Höhepunkt überschritten. Der Kontrolleur ist einfach wacher, sein Dienst hat gerade erst begonnen. Es ruckt in der Schlange, die Diskutantin wird abgewiesen und trottet zum Garderoben-Container. Dort ist eine Schlange. Diese Geschichte erzählen wir später)

»Fühl‘ doch mal, statt zu denken.«

»Dann wird es mir zu heiß.«

»Ist doch ein gutes Zeichen, wenn es dir mal heiß wird. Dann verlierst du die Kontrolle und es geht was bei dir.«

»Ist nicht so meins.«

(Das Paar ist am Eingang angekommen. Die Eintrittskarten werden gescannt, der Kontrolleur wünscht tatsächlich »viel Spaß«, sie sind drin)

»Ist überhaupt nicht kühl.«

»Aber immerhin bunt.«

(Einige Menschen haben ihre Schuhe an den Rand einer Projektion gestellt und legen sich direkt auf die Erde ins Licht. Sie werden von sehr bunten Mustern beschienen. Sie haben irgendwie Spaß).

»Das ist jetzt wirklich mal geil.«

»Willste nicht mitmachen?«

»Och nö, ich bleib‘ lieber hier am Rand.«

»Ich muss da jetzt rein.«

(Die Frau stellt sich mitten in die Projektion, macht wilde Verrenkungen, geht in eine Art Tanz über, steht wieder still, tanzt wieder, sinkt auf den Boden und ruft laut zu ihrem Mann)

»Sei mal ein Teil des Kunstwerks.«

 

(Danke an Tina für Zitat und Foto)

 

Tag 6: »BEINGSAFEISSCARY«

Sicherheit ist wichtig in diesen Tagen. Steht ja auch auf meiner Jacke. Ich bin also die Sicherheit. Warum sollte das beängstigend sein? Ich schütze doch, wo ich kann. Ich habe mir das übersetzen lassen und ich verstehe es nicht. Ich verstehe es nicht und ich schütze es trotzdem. Ich brauche keinen Dank vom Künstler, ist mir eine Ehre. Der Schutz. Die Sicherheit.

Vor allem nachts bin ich hier. Es passiert: nichts. Die Schrift leuchtet mich an, unheimlich. Nur ich bin gemeint, keiner da sonst. Das finde ich jetzt schon beängstigend. Ist das die Bedeutung?

Ich schaue hoch am Fridericianum und lese es jeden Tag und jede Nacht: »Being safe is scary.«