Tag 78: »Aber jetzt bin ich auch feddich, Du«

Laut ins Telefon: »Hier ist die Hustgruppe aus Solm.  Nein, wir können nicht länger warten. Wir müssen jetzt weiter. Wo sind Sie denn? Kenn‘ ich nich. Was ist denn da in der Nähe? Ach ja, die Bücher. Von da ist es nur ein paar hundert Meter zu uns. Sehen Sie die Straße? Sie sehen mehrere Straßen? Ja, stimmt, da ist ja eine Kreuzung. Gehen Sie doch in Richtung documenta-Halle. Nein, das ist nicht der Bau mit den Säulen. Wohin schauen Sie denn? Gut, dann drehen Sie sich jetzt mal um 90 Grad nach rechts. Was sehen Sie? Nein, wenn Sie eine Straßenbahn sehen, haben Sie sich nach links gedreht. Gut, was sehen Sie jetzt? Eine Straße, das ist gut. Gehen Sie mal los. Zur Straße, genau. Hallo? Ach, Sie müssen auf die Ampel achten. Das machen Sie gut. Sind Sie drüber? Noch auf der Mittelinsel? Gut, ich warte. Jetzt auf der anderen Seite, ah, das ist sehr gut. Sie müssten jetzt die documenta-Halle sehen. Vorne mit viel Glas. Sie sehen das? Ausgezeichnet. Ach, da ist ein Parkautomat drin? Nein, das ist Eingang zum Parkhaus. Sie müssen nach vorn schauen. Jetzt sehen Sie es? Sehr gut. Hat aber keine Glasfront? Doch, eben war da noch eine Glasfront. Das Theaterprogramm wird in einem Schaukasten angekündigt? Ah ja, dann ist es das Theater. Gehen Sie einfach weiter. Was sehen Sie? Einen Garderobencontainer?«

Wendet sich nach rechts: »Heidrun, war da ein Garderobencontainer? Heidrun? Wo ist sie denn schon wieder? Ach, da bist Du. War da ein Garderobencontainer, Heidrun? Gut, da war ein Garderobencontainer. Danke, das ist jetzt wirklich hilfreich.«

Wieder laut ins Telefon: »Sie müssen am Garderobencontainer noch vorbei. Dann kommt die documenta-Halle.  Das sehen Sie? Blendend. Sie sind drin? Ach Gott, nein.  Sie sollten doch nur dran vorbei gehen, wir sind doch nur wenige hundert Meter … Sie können nicht wieder raus? Müssen hinten durch und unten wieder raus? Sagt der Mann am Eingang? Ja, machen Sie das. Ich bleibe dran, ja.«

Wendet sich diesmal nach links: »Mein Gott, Heidrun. Das kann doch nicht so schwer sein, uns zu treffen. Ich werde noch wahnsinnig mit denen. Heidrun? Ach, da bist Du. Immer stellst Du Dich hinter mich.«

Nochmals laut ins Telefon: »Sie sind draußen? Machen ein kleines Päuschen? Weil es so anstrengend war? Himmel ja, machen Sie eine Pause. Ja, natürlich dort in diesem Biergarten. Ich kenne den Biergarten. Die Bratwurst ist ausgezeichnet.«

Heidrun ruft von hinten: »Und Hans-Helmut, hast du die Leute erreicht?«

Hans-Helmut läßt resigniert das Telefon sinken: »Nee, nich wirklich.«

Er will los. Heidrun setzt sich auf die Mauer: »Aber jetzt bin ich auch feddich, Du.«

Tag 77: »Ich glaub‘, hier ist nix«

Tür aufgemacht: Feuerlöscher!

Durch den Vorhang geschlüpft: Putzeimer!

Klinke gedrückt: Abgeschlossen!

Hinten rum gelaufen: Wand!

Ins Kino gegangen: Dunkel!

Rucksack zur Garderobe gebracht: Zu!

Nach einer Flasche vom Sufferheadbier gefragt: Es gibt nur zwei zum Preis von einer!

Schnell zu den Wüst-Bildern in der Neuen neuen Galerie: Hier nur Ausgang!

Unter den Absperrungen durchkrabbeln wollen: Gehen Sie bitte außen rum!

Einer Gruppe was vor den Bildern erzählt: Bitte gehen Sie weiter, das dürfen hier nur die Choristen!

Wasser aus der mitgebrachten Flasche trinken wollen: Hier dürfen Sie nicht trinken!

Aus Versehen ein Foto mit Blitz gemacht: No flash please!

Nach der Brücke am Rondell gefragt: Gibt’s nicht!

Nach der Halitstraße gefragt: Hä?

An die Fridericianumsschlange angestellt: Wir schliessen um 19.50 Uhr, der Hausmeister will abschließen!

Völlig fertig auf den Liegestuhl gesetzt: Können Sie bitte aufstehen, wir wollen Schluss machen.

Kein Klo. Kein Bewirtungsbeleg. Kein Aperol Spritz. Keine Kartenzahlung. Kein Bier vom Fass. Kein Papier im Klo. Keine Ahnung, wie auf der documenta-Website navigieren. Keine englische Speisekarte. Keine Führungen. Keiner, der auf Fragen antworten will. Kein Hotel mehr frei. Keine Ahnung, ob hier jemand bedient. Echt keine Ahnung.

»Ich glaub‘, hier ist nix.«

Tag 49: »Ich hab‘ mir ein gemütliches Bett geschaffen«

Und wenn ich jetzt ein Flüchtling bin? Ich habe beschlossen, das auszuprobieren. Hier in diesem Kunstwerk voller Röhren.

Auf ihrer Flucht haben die Leute in Röhren geschlafen, es war der beste Schutz. Ich fühle mich auch geschützt. Obwohl wir hier mitten auf einem Platz sind. Und alles offen ist. Die Menschen vorbeigehen. Mich anschauen. Aber eben nur solange, wie ich vorne rausschaue. Wenn ich nach innen krieche, verschwinde ich. Ich bin froh, dass hier auszuprobieren. Jetzt werde ich hier schlafen.

Zwei Monate später stehe ich wieder hier, betrachte meine Röhre, denke daran, wie es war, hier zu sein. Jetzt bin ich Teil eines Kunstwerkes. Und tatsächlich: »Ich hab‘ mir ein gemütliches Bett geschaffen.«

Tag 32: »So erfahren alle, dass an der Decke noch etwas hängt«

Typen gibt es sehr unterschiedliche, dass weiß ich als Journalist. Ich nehme das sportlich. Ich habe gerade ein Interview gemacht und sehe diesen Typen vor mir, der seine Zeit mit Lauschen verbringt. Wem es hilft, der soll es tun. Seine Zitate sind ganz okay. Besser gesagt: die Zitate von Besuchern. Er verrät mir auch ein unveröffentlichtes: »Dieser Panzer, da habe ich gar kein Bild dazu.«

Ich habe Bilder zu Panzern. Und ich hätte sie gerne wieder aus meinem Kopf. Jeden Tag bekommen wir diese Bilder, da fragt uns keiner, ob wir das überhaupt wollen. Wir sehen so viel mehr als später unsere Leser.

Meine Kollegin bearbeitet Kommentare, die auf die Webseite gepostet werden. Sie muss entscheiden, was dann erscheint. Ich habe keine Ahnung, wo sie diese Worte hindrückt. Der Hass kommt bei uns öffentlich nicht vor, da bin ich froh. Ich wünsche mir einen großen Ausguss in jeder Etage, wo wir diese Worte runterspülen können. Oder einen Baustellencontainer, der täglich entsorgt wird. Mit Worten und Bildern, die keiner braucht.

Mein Interviewpartner will noch eine längere Geschichte schreiben, in der ein Feuerteufel beim Parthenon die Hauptrolle spielt. Da läuft es mir kalt den Rücken runter, mein Name ist schließlich der Schutzpatron der Feuerwehr.

Zurück in der Redaktion tippe ich die letzten Worte in meinen PC: »So erfahren alle, dass an der Decke noch etwas hängt.«

Tag 13: »Booooooooonnnnnng«

Natürlich haben wir geprobt. Doch was ist eine Probe im Vergleich zu einer Aufführung? Die Halle war leer. Ich habe jeden Ton einzeln gehört.

Jetzt ist alles voll. Die Leute stehen direkt hinter mir, sitzen vor mir auf einem schrägen Podest. Warten auf den Anfang. Freunde kommen zu mir, sagen »Hallo Matze«, sprechen mit mir. Ich antworte mechanisch. Ich bin nicht da, ich bin im Stück. Jetzt schon.

Es fängt an. Es fängt einfach an, wie es anfangen muss. Musik fließt durch mich hindurch. Ich höre die Töne der Klavierseiten, die vom Saxofon. Ich höre meine eigenen Trommeltöne.

Wir sind auch auf dem Meer, lassen uns tragen vom Wasser. Das Salz in der Luft. Sind aufgeregt. Es passiert so viel gleichzeitig. Ich klettere auf das Flüchtlingsboot, das mitten in der Halle steht, ich habe den Klöppel in der Hand. Ich bin ganz ruhig.

Meine Hände sind schwer. Slow-Motion mit meinem Arm, der weit ausholt. Ich warte nur auf den Moment.

Und dann kommt die ganze Halle in Resonanz: »Booooooooonnnnnng«