Tag 69: »Das hier ist alles so …. durch« 

Söhne kämpfen bei ihren Vätern um Anerkennung. Seit Generationen. Um zu erkennen, dass sie die Anerkennung nicht bekommen. Nicht bekommen können. Sich schließlich selbst anerkennen für das, was sie sind. Wie sie sind.

Darum weinen, dass das Kindsein vorbei ist. Manchmal: leider vorbei ist. Denn das Kind ist ja noch da. So wie früher soll es sein. Ist es dann nicht mehr. Sich schließlich selbst anerkennen für das Kind im heute.

Der Liebe den Raum geben. Darum weinen, dass die Liebe den Raum erobert und wir so wenig verstehen, was passiert. Sich schließlich selbst anerkennen, geliebt zu sein und zu lieben.

Das Mädchen bei Holzapfel erinnert mich an mich selbst als junger Erwachsener auf der Suche: »Das hier ist alles so …. durch.«

(Ist es nicht. Es bleibt.)

Tag 65: »Doch«

Die Familie packt die Fahrradsatteltaschen . Nur noch das Ausflugsziel muss bestimmt werden.

»Es wird gerade wieder warm – Schwimmbad?«

»Au ja.«

Vater und Sohn sind sich einig. Die Mutter hat andere Pläne.

»Heute schauen wir Kunst. In der Karlsaue.«

Was Vater und Sohn vergessen hatten: Die Mutter hat heute das Vorschlagsrecht. Die letzten beiden Ziele waren – Schwimmbad.

»Ich habe mir schon einen Plan besorgt. Wir können alles sehr gut mit den Rädern erreichen.«

»Na, das ist doch prima. Dann sind wir schnell durch.«

Falsche Antwort. Ohne ein Wort fährt die Mutter los, trainiert durch eine Woche Bodenseerfahrradrundfahrtäglichsechsundneunzigkilometern.  Sie erreichen nach einem Sprint das Holzgerüst des Künstlers Olaf Holzapfel. Die Mutter ist entzückt.

»Das ist mal Kunst.«

»Das ist mal keine Kunst.«

»Doch!«

»Ist astreines Handwerk. Sieht man doch.«

»Seid wann ist Handwerk keine Kunst.«

»Kunsthandwerk.«

Die Mutter ist einigermaßen perplex. Ihr Mann scheint sich auszukennen. Sie legt eine Schippe drauf.

»Der Künstler spielt genau mit diesen Elementen. Er hat tiefes Interesse am Zusammenspiel zwischen Natur und Kultur, Mensch und Landschaft – Ursprung jener Art von Grenzen, die unser kollektives Zugehörigkeitsgefühl und unsere kollektive Identität prägen. «

Tja, Vorbereitung ist alles. Triumph in Mimik und Gestik.

»Ist bestimmt wieder das Geschwurbel von Schimschick.«

»Euch kann man nirgendwo mit hinnehmen.«

»Doch!«

Tag 3: »Emma komm‘, das ist doch einfach«

Ich weiß es noch genau. Ich war erst zwei Jahre alt und trotzdem kann ich mich erinnern. Ein strahlend schöner Sommertag. Die Sonne ist so warm. Wir sind am Rande einer Wiese. Ich sehe ein Klettergerüst. Schön aus Holz ist es. Herrlich ist das. Es riecht so schön. Ich renn drauf zu, will unbedingt hoch. Es klappt nicht. Das Holz ist ganz glatt. Ich versuche es wieder. Ich rutsche ab, ich falle. Ich schreie. Keiner da, der mich beruhigt. Ich beruhige mich. Schaue auf das Holz. Ich versuche es wieder. Und auf einmal bin ich oben drauf.

Meine Schwester sagt: »Emma komm‘, das ist doch einfach.«