Tag 96: »Die Scheiße gugge ich mir nidd an«

Fünf Bücher. Genau die, die ich haben wollte. Wie schön ist das. Ich muss mich jetzt ausruhen. Auf die Bank mit den Büchern. Erstmal nur stehen. Erstmal staunen. Einfach wirken lassen. Die Vorfreude.

Ich fühle mich wie damals in der Stadtteilbibliothek: diese ganzen Bücher. Alle werde ich lesen! Ich bin elf Jahre alt und die Bücher hier sind nur für mich. Ich stehe vor dem Regal, lege den Kopf schief und beginne zu lesen. In meinem Kopf formen sich die Geschichten. Ich ziehe ein Buch heraus. Ich weiß: Das ist es. Das nehme ich mit nach Hause. Verkrieche mich unter der Decke. Und LESE.

Jetzt ist es wieder soweit. Das Glück auf Erden. Danke, Martha.

Hinter mir ruft ein Mann richtig laut:  »Die Scheiße gugge ich mir nidd an.«

Tag 93: »Wenn Du das verstehst, bist Du ein Genie«

Du gehörst in den Parthenon. Ich habe Dich unzählige Male gelesen. Jede Seite kann ich mitsprechen. Deshalb brauche ich Dich auch nicht mehr vorlesen. Es ist schon alles da von Dir.

Für Dich finde ich heute den Platz. Zelebriere Dein Hineintragen durch meinen Demut vor Dir als Quelle meiner inneren Weisheit. Mit Dir konnte es geschehen in meinem Leben, konnte ich mir Trost spenden in der schmerzhaften Veränderung. Du bist für mich das Buch, was den Parthenon vollständig macht für einen Tag. Glänzen wirst Du in Deiner Pracht. Und einen Menschen finden, der Dein Wissen ehren wird. Schon in der nächsten Woche wird Dich jemand in der Hand halten. Dieser Gedanke macht mich froh, ich lasse Dich los.

Heute trage ich Dich auf meinem Kopf genau dorthin. Gleich, jetzt gleich nehme ich  Dich vom Kopf und übergebe Dich Deiner Bestimmung. Kurz bevor ich mich nach unten beuge, höre ich aus dem Publikum (ich muss dabei lächeln): »Wenn Du das verstehst, bist Du ein Genie.«

Tag 92: »Viele wollen ja ihr eigenes Buch zurück«

»Martha, Martha« rufen die Menschen, als Martha Minujín das letzte Buch per Hubsteiger am Partheonon befestigt. Vielleicht tausend Menschen wollen Teil dieses Ereignisses sein, zugehörig sein zu etwas, was nur einmal im Leben so passiert. Sie spüren eine Verbindung, die sie bei dieser documenta 14 so wenig gespürt haben. Vielleicht – weil ihr künstlerischer Leiter keine Nähe zuläßt, die ihn – vielleicht – auch überfordert. Ein dickes Band von Kuratoren ist zwischen ihm und uns, auch bei der Letztes-Buch-Befestigung ist er nicht da. War er umsichtig genug, fortzubleiben? Hätten wir ihn verschlungen? Wie Grenouille im »Parfüm«?

So bleibt uns nur Martha, Martha, die weise im Hubsteigerkorb bleibt, um von unserer Liebe nicht erdrückt zu werden. Unserem Verlangen, Teil dieses Ganzen zu sein und zu verschmelzen. Natürlich mit Beweisfoto per Selfie. Dann spüren wir uns auch besser jenseits dieser kalten Welt mit Trump, Putin, Erdogan. Jetzt sind wir hier, versammelt an einem Ort, vereint in der Gemeinschaftsemotion. Endlich, endlich ist es mal schön.

Ich bekomme als Dank für meine Lesung ein Buch vom Parthenon. Es ist in Folie eingeschweißt. Ich bin froh darüber. Dann komme ich nicht in Versuchung, es zu lesen. Das Guantanamo-Tagebuch.

Eine Frau, vor der Präsentübergabe getroffen, wollte genau dieses Buch haben und sich dafür notfalls die nächste Woche immer wieder anstellen. Sie sagt lapidar: »Viele wollen ja ihr eigenes Buch zurück.«

Breaking News: Sa 9.9.17 13.35 Uhr Parthenon 5 Minuten Blog-Reading

Timetable
Time: 13.35 Uhr
Area: 1
Name: Andreas Knierim
Title: Will read a selection from his blog Blog 100:tage:documenta:storys
http://kassel.coach/tag-27-mama-koennen-wir-jetzt-mal-was-schoenes-machen
http://kassel.coach/tag-47-weisst-du-es-ist-ja-wie-in-der-realitaet-wenn-du-ein-buch-liest
http://kassel.coach/tag-50-buecherklauamparthenon1
http://kassel.coach/tag-72-koennen-wir-uns-wieder-aufloesen
http://kassel.coach/tag-70-muy-bien
Ich würde dann für fünf Minuten daraus etwas zusammen stellen.
Genre : Reading

Language: German

Komplettes Programm als Pdf: Programm_Accomplishment of the Parthenon
Wir freuen uns sehr über Ihre Teilnahme und wünschen Ihnen viel Glück für Ihren Auftritt.
We are very happy about your participation and wish you good luck for your contribution.

Liebe_r Teilnehmer_in,
vielen Dank für Ihre Anmeldung.
Bitte entnehmen Sie die Uhrzeit Ihres Auftritts untenstehender Tabelle und beachten Sie, dass die angegebene Zeit nur ein Richtwert darstellt, da es gegebenenfalls noch zu Änderungen kommen kann – Beiträge können ausfallen oder auch länger oder kürzer sein, als von den Teilnehmer_innen geplant.
Außerdem sehen die Wettervorhersagen für morgen nicht so gut aus, daher behalten wir es uns vor die Veranstaltung zeitlich um ein oder zwei Stunden zu verschieben, da zumindest derzeit, das Wetter etwas beständiger morgen besser aussieht.
Sollten Sie bis 10.30 Uhr morgen früh hierzu keine Email von uns erhalten, bleibt es bei den bereits kommunizierten Uhrzeiten in der untenstehenden Tabelle
In jedem Falle bitten wir sie mindestens 15 Minuten vor der angegebenen Uhrzeit Ihres Auftritts am Anmeldetisch am Parthenon der Bücher zu erscheinen. Der Treffpunkt befindet sich am Fuße der Treppen des Parthenons mit Blick auf das Museum Fridericianum. Hier bekommen Sie alle relevanten Informationen zum genauen Ort Ihrer Darbietung. Ein_e documenta 14 Mitarbeiter_in wird sie dann zu dem Bereich Ihrer Darbietung begleiten. Es wird keine Bühnen geben und Darbietungen werden parallel stattfinden.
Beachten Sie außerdem, dass es keine Anmoderation geben wird und wir Sie daher bitten sich selbst vorzustellen und/oder den Titel des Beitrags selbst anzukündigen. Außerdem möchten wir noch einmal darauf hinweisen, dass es keine Tontechnik vor Ort geben wird.
Sollte Sie kurzfristig absagen müssen, bitten wir sie dies telefonisch unter +49 159 044 331 34 zu machen. Beachten Sie, dass am Morgen vor der Veranstaltung keine Emails mehr gelesen werden.
Wir freuen uns sehr über Ihre Teilnahme und wünschen Ihnen viel Glück für Ihren Auftritt.
Herzliche Grüße
Elena Parwan

*

Dear participants,
Thank you for signing up.
Please take a look at the timeslot for your contribution in the timetable below and note that the time indicated is only a guideline, as changes may still be possible – contributions might be canceled last-minute or could possibly be longer or shorter than originally planned by other participants. Furthermore, the wheater forecast doesn’t seem to be on our side for 12 pm tomorrow, that’s why we might postpone the event to some hours later the same day. Shouldn’t you have an email in your inbox by 10.30 am tomorrow morning, the timetable stays as it is below.
Generally, we kindly ask you to appear at the registration table in the Parthenon at least 15 minutes before the indicated time of your performance. This meeting point can be found at the bottom of the Parthenon’s stairs, on the side facing Museum Fridericianum. Here you will get all relevant information. A documenta 14 member will then accompany you to the location of your performance. Please note there will be no stages and that performances takes place parallely to each other.
Furthermore, we kindly ask you to introduce yourself and / or to announce the title of the contribution, since there will be no moderation. Again, we would like to remind you that there is no sound amplification, so you might have to raise your voice in order to be understood.
If you need to cancel at short notice, please call +49 159 044 331 34. Before the event, no more emails will be read.
We are very happy about your participation and wish you good luck for your contribution.
Best regards,
Elena Parwan

Tag 72: »Können wir uns wieder auflösen?«

Ben hasst Gruppen. Was wiederum ein guter Grund ist, Teil einer Gruppe zu sein. Temporär. documenta-temporär, unter Aufsicht eines Chorleiters. Ben als Teil eines Chors, das amüsiert Ben. Sie müssen nicht singen, da hat Ben zu große Erwartungen projiziert. Singen wäre für Ben das Größte. Diese Gruppen sprengen, wenn Ben singt. Eine der leichtesten Übungen für Ben: Die größtmögliche Sprengkraft entwickeln in der minimalmöglichen Zeit. Bens Schätzungen lagen bei einskommafünf Minuten. Volle Parthenonpower. Just singin‘ in the rain. What a glorious feeling. I’m happy again. Ben ist happy again. Allein vom Gedanken ans Singen. Sprengkraftsingen.

Ben liebt Groucho Marx. Denn Groucho Marx hatte dem Friars Club seinen Austritt telegrafiert: »I don’t care to belong to any club that will have me as a member.« Das trifft es für Ben genau. Das ist groß. Die Höchststrafe für Ben: Schatzmeister in einem Verein. Mit wöchentlichen Sitzungen und anschließendem gemütlichen Beisammensein. Neujahrsempfang, Sommerfest und Mitgliederversammlung im Herbst. Weihnachtsfeier! Wichteln! Das einzig positive: Singen.

Jetzt, kurz nach dem Regen, ist es wieder Zeit für Bens Satz. Er stellt sich hin, dass alle in der Gruppe ihn gut sehen – und hören: »Ich mag keinem Club angehören, der mich als Mitglied aufnimmt. Können wir uns wieder auflösen?«

Tag 70: »Muy bien«

Ich kann nichts dafür, dass ich die documenta liebe. Schon mit 18 Monaten war ich in Kassel. Dann immer wieder. Ich habe das documenta-Gen, meine Eltern sind schuld. Vielleicht auch die Freunde meiner Eltern, von denen wird manchmal erzählt. Alle fünf Jahre muss ich hierher. Schon seit 30 Jahren oder sind es 40? Wie eine Sucht. Oder eine Suche?

Ich bin extrem clever, ich denke in spanisch und deutsch gleichzeitig. Linke Hirnhälfte spanisch, rechte Hirnhälfte deutsch. Kleiner Scherz. Das mit den Hirnhälften. Und dem Clever-sein. Meine Synapsen knallen nur so durch mein Hirn, das war schon immer so. Discúlpeme.  Mea Culpa. Sorry. Entschuldigung. Ich sehe einmal hin und, zack, kann ich es. Hat mit Clever-sein nix zu tun, ich bin so. Stehe mit meinem Namen ja schon im alten Testament: Erleuchteter. Also: Was wollen Sie? Es musste einfach so kommen.

Vielleicht bin ich auch einfach nur gelobt worden. Das scheint ja zu helfen. Ich erinnere mich wirklich an meine erste documenta. Ich lache als meine Mutter sagt: »Muy bien«

(Danke an meinen Vater für das Foto von damals)

Tag 58: »Im Schatten des Hauses, in der Sonne des Flußufers bei den Booten, im Schatten des Salwaldes, im Schatten des Feigenbaumes wuchs Siddhartha auf«

#BücherklauAmParthenon9

Tom, der Polizist von der mobilen Wache, ist genauso früh am Parthenon wie Jeremias.

»Was Neues vom Bücherdieb?«
»Ach, die paar Bücher, die ersetzen wir gleich wieder am nächsten Tag.«
»Trotzdem muss er gefasst werden.«

Das sagt Tom in einem väterlichen Ton. Obwohl er doch der Sohn von Jeremias sein könnte. Ahnt er etwas?

»Hey J., hast Du irgendwie Probleme, bist du im Stress?«
»Stress beim Bewachen von Büchern?«
»Ich meine ja nur. Die ganze Woche beobachte ich dich schon, redest Du mit dir selbst?«

Jeremias dreht sich um und geht. Er will nur noch mit Henriette reden. Aber sie ist weg. Aus seinem Leben verschwunden. Er kann ihre Stimme nicht mehr hören.

Auf seinem Rundgang sieht er seine Kollegen mitten im Parthenon. Er geht zu ihnen. Sie stehen zusammen, was eigentlich nicht erlaubt ist. In der Mitte ihres Kreises steht eine Kiste voller Bücher. Jeremias ist entschlossen, diesmal ein Buch von der ersten bis zur letzten Seite zu lesen. Ein Buch, dass er nicht gestohlen hat, sondern das Buch aus der Kiste ganz oben. Das ist für ihn. Er bekommt ein Exemplar noch am gleichen Tag in der Buchhandlung gegenüber, die Buchhändlerin überreicht es ihm fast feierlich.

Jeremias ist unterwegs, meinetwegen zu sich selbst und seiner Lust am Lesen, für deren Entdeckung er dreißig Jahre seines Lebens gebraucht hatte. Er blättert zur ersten Seite:

»Im Schatten des Hauses, in der Sonne des Flußufers bei den Booten, im Schatten des Salwaldes, im Schatten des Feigenbaumes wuchs Siddhartha auf, der schöne Sohn des Brahmanen, der junge Falke, zusammen mit Govinda, seinem Freunde, dem Brahmanensohn.«

Tag 57: »Nicht lange, nachdem meine Frau und ich uns getrennt hatten, traf ich Dean zum ersten Mal«

#BücherklauAmParthenon8

Henriette ein kleines Mädchen, dass allein in einer Villa wohnt? Als Kind sah er die Filme wieder und wieder und, klar, Tommy war sein Favorit. Heimlich hatte er dieses Mädchen bewundert.

Jeremias fragt Henriette ganz direkt am nächsten Tag.

»Das bist du, die Pippi Langstrumpf?«
»Nein, das bist Du.«
»Wie kann ich das sein?«
»Weil Du Dir die Welt so machst, wie sie Dir gefällt.«
»Da ist was dran.«
»Wenn Du mit Mädchen nicht so gut klar kommst: Ich habe noch ein Männerbuch für Dich.«

Es ist ganz außen an einer der Säulen, durch die dicke Folie kaum zu sehen. Und doch strahlt es. Als Jeremias es spät in der Nacht aufschlägt, treffen ihn die ersten Zeilen wie ein Schlag:

»Nicht lange, nachdem meine Frau und ich uns getrennt hatten, traf ich Dean zum ersten Mal.«

Tag 56: »Am Rand der kleinen, kleinen Stadt lag ein alter verwahrloster Garten«

#BücherklauAmParthenon7

Das Buch von K. hat Jeremias verwandelt. Schon nach einer Seite, noch in der Nacht spürt er, wie die Worte ihn verändern. Er ist ein Entschlossener geworden: Er muss Henriette wiedersehen. Er braucht sie – und ihre Bücher.

Wie immer ist sie einfach da. Sie sitzt auf den Stufen des Fridericianums. Er geht auf sie zu, will sie ansprechen, doch sie sagt den ersten Satz.

»Sie haben sich in die Falsche verliebt.«
»Wollen wir nicht ‚Du‘ sagen?«
»Du hast Dich in die Falsche verliebt.«
»Ich pflege mich nicht zu verlieben. In die Falsche schon gar nicht.«

Wie schön, dass sie da ist. Egal, was sie sagt, es ist gut, Henriette zuzuhören.

Sie gehen ein Stück zum Parthenon. Gleich vorn bleiben sie stehen. An einem Buch. Henriette berührt das Buch kurz und doch irgendwie innig. Im Schein einer Straßenlaterne liest Jeremias später den ersten Satz:

»Am Rand der kleinen, kleinen Stadt lag ein alter verwahrloster Garten.«

Tag 55: »Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt«

#BücherklauAmParthenon6

Das Kaninchen verfolgt Jeremias. Oder verfolgt er es? Ganz verwirrend ist diese erste Seite gewesen. Henriette muss ihm mehr davon erzählen, denn er schafft es nicht, weiter zu lesen. Er schläft so gut wie gar nicht mehr.

Der Parthenon brennt. Es brennt lichterloh. Die Sicherheitsleute versuchen, die Bücher zu retten. Gleichzeitig müssen sie Besucher zurückhalten, die dasselbe tun wollen. Dann müssen sie aufhören, es ist zu gefährlich. Jeremias schaut mit blanken Entsetzen auf die Szenerie, aller voller Feuerwehr, voller Krankenwagen, Polizei.

»Hallo?«

Aus großer Entfernung dringt die Stimme an sein Ohr.

»Hallo, sind Sie da?«
»Ja, ich bin da.«
»Sie sahen so entrückt aus.«
»Ich stelle mir manchmal den größtmöglichen Unfall vor.«
»Und der wäre?«
»Das sage ich lieber nicht.«

Henriette balanciert einen Stapel Bücher. Jeremias war wieder zurück. Bücher brennen nicht mehr auf dem Friedrichsplatz. Punkt.

»Können Sie mir helfen?«
»Klar. Wo haben Sie die denn her?«
»Aus dem Keller meines Großvaters. Alles fein säuberlich seit über 70 Jahren in einer Kiste verpackt.«
»So alt?«
»Wahrscheinlich schon vor Kriegsende eingelagert. Mein Großvater war Buchhändler, in jedem Buch liegt eine Karte mit Datum.«
»Lassen Sie mich raten: verbotene Bücher?«
»Alle waren verboten damals, das war leicht herauszubekommen.«
»Wollen Sie sie spenden?«
»Sie sollen hier einen würdigen Platz bekommen.«

Am Abend findet Jeremias am Parthenon das Buch, was auf Henriettes Stapel ganz oben lag und schlägt die erste Seite auf:

»Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.«

Tag 54: »Alice war es allmählich leid, neben ihrer Schwester am Bachufer stillzusitzen und nichts zu tun«

#BücherklauAmParthenon5

Jeremias will auch reisen, sich endlich erholen, in einer Schmalspurbahn sitzen. Wie der Pflegesohn Hans dort. Er fühlt sich allein und merkt, dass sich die Menschen in Büchern oft allein fühlen. Was hat er bisher verpasst, weil er nichts gelesen hat?

Als es dämmert, beschließt er, Henriette systematisch zu suchen. Bei einem Sicherheitsmann ist dies wörtlich zu nehmen. Sie macht es ihm leicht und steht an einer der Parthenon-Säule. Lächelt ihn an. Er lächelt nicht zurück.

»Dann lag ich mit meiner Buchempfehlung daneben?«
»Vielleicht nicht bei Büchern, aber bei Ihren Gewohnheiten.«
»Meine Gewohnheiten?«
»Ich bin ein korrekter Mensch und ich glaube, Sie auch. Und korrekte Menschen haben Gewohnheiten. Sie sind sonst jeden Abend da.«
»Sie verfolgen mich? Das ist ja krass. Ich wollte nur freundlich sein. Lassen Sie mich in Ruhe.«

Sie läuft direkt durchs Parthenon zum Buchladen von König, Jeremias hinterher.

»So war es nicht gemeint.«
»Wie war es denn gemeint?«
»Ich mag Ihre Bücher.«
»Und?«
»Ich mag Sie, wie Sie die Bücher betrachten.«
»Und Sie mögen es, andere dabei zu beobachten?«
»So ähnlich. Heute Abend fehlt mir noch ein Buch.«
»Schauen Sie mal da ganz links an der Säule in Brusthöhe. Das blonde Mädchen.«

Sie verabschieden sich. Jeremias findet das Buch sofort. In der Nacht schlägt er es auf:

»Alice war es allmählich leid, neben ihrer Schwester am Bachufer stillzusitzen und nichts zu tun; denn sie hatte wohl ein- oder zweimal einen Blick in das Buch geworfen, in dem ihre Schwester las, aber nirgends waren Bilder oder Unterhaltungen abgedruckt – „und was für einen Zweck haben schließlich Bücher“, sagte sich Alice, „in denen überhaupt keine Bilder oder Unterhaltungen vorkommen?“«

Tag 53: »Ein einfacher junger Mensch reiste im Hochsommer von Hamburg, seiner Vaterstadt, nach Davos-Platz im Graubündischen«

#BücherklauAmParthenon4

Was für ein schönes Buch, fast hätte er noch eine Seite geschafft. Bei seinem Tempo aber unmöglich. Er leidet genauso wie dieser W., da hat Henriette richtig getippt.

Tom kommt vom Polizei-Container herüber.

»Hey J, was geht? Liest Du jetzt Bücher?«
»Ich und Bücher. Nee.«
»Könnte schwören, Dich gesehen zu haben. War aber schon dunkel und ihr habt ja alle dieselben Jacken an.«
»Würde mich wundern, wenn bei uns überhaupt jemand liest.«
»Ihr sollt ja auch bewachen. Da könnt ihr übrigens noch besser werden, es fehlen nämlich Bücher.«
»Ist mir nicht aufgefallen.«
»Na ja, ich gucke von hier drüber direkt auf eine leere Hülle.«

Jeremias nickt nur kurz. Das Unbeteiligste, was sich ein Sicherheitsmann einfallen lassen kann.

Henriette ist an diesem Abend nicht zu sehen. Was ist geschehen, Jeremias braucht doch ein neues Buch. Was gäbe er jetzt für einen Tipp. Nach langem Suchen findet er ein Buch, der Buchumschlag gefällt ihm. Das Rausschneiden beherrscht er bereits perfekt, er beginnt zu lesen:

»Ein einfacher junger Mensch reiste im Hochsommer von Hamburg, seiner Vaterstadt, nach Davos-Platz im Graubündischen.«

Tag 52: »Wie froh bin ich, dass ich weg bin«

#BücherklauAmParthenon3

Was hat er mit diesem Holden Caulfield zu tun? Was will die Frau damit andeuten? Jeremias wundert sich, dass Caulfield überhaupt etwas aufschreibt. Der hat genauso viel Probleme mit den Lehrern wie er damals. In der Schule galt Jeremias einfach nur als dumm. Weil er nicht lesen lernen wollte und einfach was auswendig daher sagte.

»Und, haben Sie schon gelesen?«

Jeremias steht sofort unter Schock. Die Frau hat sich ihm von hinten genähert. Oder hat sie sich angeschlichen? Er lächelt schief, er muss etwas sagen.

»Nur die erste Seite.«
»Dann hat es Ihnen nicht gefallen?«
»Doch, sehr sogar. Ich lese aber nur langsam.«
»Ah, wie John Franklin im ersten Buch.«
»Genau so.«

Jeremias kann es nicht fassen. Sie ist so freundlich mit ihm. Wann war jemand mal so freundlich mit ihm gewesen?

»Ich heiße übrigens Henriette.«
»Jeremias.«
»Das ist ein schöner Name.«
»Ihr Name ist auch schön.«
»Wollen Sie das Buch weiterlesen?«
»Bin mehr so der erste-Seite-Leser.«

Henriette lacht, nickt und geht mit Jeremias zu einer anderen Parthenon-Säule.

»Das ist ein mein Lieblingsbuch mit der besten ersten Seite der Welt.«

Jeremias hätte das Buch fast vor ihren Augen aus der Folie geritzt. Gerade kann er sich noch beherrschen, am Abend hält er es in den Händen:

»Wie froh bin ich, dass ich weg bin.«

Tag 51: »Falls Sie wirklich meine Geschichte hören wollen« 

#BücherklauAmParthenon2

Jeremias hasst es, lesen zu müssen. Er ist so langsam damit. Doch dieser John Franklin gefällt ihm, er ist ja auch langsam. Die erste Seite hat Jeremias letzte Nacht geschafft, mit unendlicher Mühe hat er sich Wort für Wort voran gerobbt. Wie gerne würde er erfahren, wie es mit John weitergeht. Das Buch versteckt er am Morgen in einer der Röhren.

Wenn er nicht liest, versteht er die Frau nicht, die er liebt. Was will sie ihm mit diesem Buch sagen. Dass sie langsame Menschen liebt?

Er sieht sie am nächsten Tag im Parthenon. Wie immer schaut sie auf ein Buch. Wie in Trance geht er die Stufen nach oben. Er stolpert, stürzt der Frau vor die Füße. Das Buch, sein Buch, rutscht aus der Jacke. Schnell hebt er es auf, die Frau sieht es noch.

»Ach, wenn Ihnen das gefällt, sollten auf jeden Fall auch das lesen.«

Sie deutet auf ein Buch knapp über ihrem Kopf. Jeremias merkt sich ganz genau, wie es aussieht. Er nickt nur, lächeln geht überhaupt nicht. Er verschwindet auf der anderen Seite.
Jeremias wartet auf das Ende der langen Büchernacht, schneidet in der Dunkelheit das Buch geräuschlos aus Folie und schlägt die erste Seite auf:
»Falls Sie wirklich meine Geschichte hören wollen, so möchten Sie wahrscheinlich vor allem wissen, wo ich geboren wurde und wie ich meine verflixte Kindheit verbrachte und was meine Eltern taten, bevor sie mit mir beschäftigt waren, und was es sonst noch an David-Copperfield-Zeug zu erzählen gäbe, aber ich habe keine Lust, das alles zu erzählen.«

Tag 50: »John Franklin war schon zehn Jahre alt und noch immer so langsam, daß er keinen Ball fangen konnte«

#BücherklauAmParthenon1

Jeremias klaut Bücher. Obwohl es doch als Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma seine Aufgabe ist, die Bücher zu bewachen.

Die Besucher haben sich schon gefragt, warum am The Parthenon of Books der Künstlerin Marta Minujín immer noch Bücher fehlen, obwohl doch jeden Tag welche aufgehängt werden. Weil: Jeremias stiehlt die Bücher. Denn er liebt eine Frau, die Bücher liebt.

Die schönste Frau der Welt steht an einer Parthenon-Säule und betrachtet lange ein einziges Buch, in Folie eingeschweißt. Jeremias betrachtet die Frau, er kann nicht anders. Als sie endlich geht, beschließt er, das Buch aus der Folie zu schneiden und an sich zu nehmen.

Er ist in der Nacht als Einziger zur Bewachung eingeteilt, ohne Mühe gelingt sein Plan. Noch am Tatort schlägt er die erste Seite auf und beginnt zu lesen:

»John Franklin war schon zehn Jahre alt und noch immer so langsam, daß er keinen Ball fangen konnte.«

Tag 47: »Weißt du, es ist ja wie in der Realität, wenn du ein Buch liest«

Ich lese einfach. Ich bin dann in meiner Realität. Schön ist es, wenn ich das Buch abhole, so richtig altmodisch in der Buchhandlung. Nicht schön, wenn  es in Plastikfolie eingeschweißt ist. Deshalb wundere ich mich sehr, dass die Bücher hier so eingeschweißt hängen. Da kann man ja gar nicht lesen, das ist ja so wie in der Zensur damals.

Ich denke mir Bücher für mich selbst aus. Die ich dann durchlese. Ich brauche das gar nicht aufzuschreiben, ist alles in meinem Kopf. So richtig Kapitel für Kapitel abgespeichert. Ich lese jeden Tag drin, manchmal schlage ich meinen Kopf bei einer Seite auf, lese mich fest, erschrecke über die Zeit, die vergeht, schlage wieder zu.

Ich werde mein Gehirn der Nachwelt sponsern, so als neuronales Workbook für Schreibwerkstätten. Vielleicht wollen die mal analysieren, wo Figuren und Handlung so her kommen. Dann ist auch für was gut.

So ist das bei mir: »Weißt du, es ist ja wie in der Realität, wenn du ein Buch liest.«

Tag 41: »Some of the artists are contemporary and some of them are dead since a hundred years« 

Hi there, this is Brad Pitt speaking. Oh, excuse me, I’ll switch to the German Translation Software: Hallo, hier spricht Brad Pritt! Habe gehört, dass ihr auf mich in Kassel wartet! Ihr Süßen, so wie vor fünf Jahren geht das leider nicht mehr! Zuviel Rummel, ich konnte ja kaum die Kunst sehen! Außerdem haben mir drei Leute gesagt, ich sollte mich rasieren! Drei!

Ich habe mir diesmal was Neues überlegt! Tja, jetzt keinen langen Gesichter, aber, Folks, ich war schon da! Ich habe mir die Klamotten von Marta Minujín geliehen! Die hat sogar den selben Sonnenbrillengeschmack wie ich! Ich dann rauf auf die documenta 14! In-cog-ni-to, ja, ich kann auch Fremdsprachen! Ist aber leider schief gelaufen, weil: Marta kennt hier auch schon jeder! Alle wollten mit mir sprechen! Auf Spanisch! Na gut, ein bißchen kann ich es ja, am Set ist es immer so langweilig und die Caterer sind ja immer Spanier! Aber das schlimmste war der Büstenhalter! Ein Hoch auf die Frauen (außer auf die eine, ihr wisst schon), dass ihr das so tragen und ertragen könnt (Wortspiel, Folks!) Jeden Tag! Ich war nach einer Stunde völlig k.o.! Alles wieder ausgezogen! Was nun?

Von der Größe her hätte ja auch der Adam Schimschick gepasst! Aber die Frisur kriege ich nicht hin! Den Gesichtsausdruck auch nicht! Russisch kann ich auch nicht, der kommt doch aus Russland? Hab‘ mir dann eine Prozac-Jacke geliehen! Darf sie auch noch behalten! Danke, Mann! Ach nein, ich es sehe es gerade, es heißt Protex! Für die Textilien, cool! Mit der Jacke wirst du unsichtbar, alle gucken weg, wenn du kommst!

War natürlich auch bei Ellis und Gisela, wo sonst sollte man essen? Ellis hat dicht gehalten, was für Typ! Gruß, Mann! Die 14 finde ich cool! Wegen der toten Künstler! Und der lebenden! Ich schalt mal wieder Originalmodus: »Some of the artists are contemporary and some of them are dead since a hundred years«

Tag 26: »Manchmal höre ich Stimmen, sind die nur in meinem Kopf?«

Ich habe mich entschlossen, die documenta ohne Eintrittskarte zu besuchen. Ich werde alles sehen. Jeden am Eingang überzeugen, dass er mich reinläßt. Ich bin nicht verrückt. Eine Stimme sagt mir, es zu tun. Diese Stimme ist mein Freund seit 46 Jahren. Ich vertraue ihr, noch nie hat sich diese Stimme getäuscht. Alles gelingt mir, weil diese Stimme mich leitet. Jedes documenta-Tor werde ich bezwingen. Ich weiß das. Trotzdem frage ich mich heute zum ersten Mal: »Manchmal höre ich Stimmen, sind die nur in meinem Kopf?«