Tag 44: »1008 Einwohner, da kann ich dir auch noch was beibringen«

(Mutter und Tochter laufen durchs Fridericianum. Man wird als Betrachter den Eindruck nicht los, dass die Mutter Kunstwerk für Kunstwerk abhaken will. Die Tochter schaut interessiert, wahrscheinlich kennt sie das seit Jahren und tut ihrer Mutter den Gefallen. Die Mutter hat einen Stapel Zettel mit handschriftlichen Notizen, auf die sie immer wieder schaut)

(Mutter sagt:) »Hier siehst du eine Arbeit von Emily Jacir. Sie thematisiert mit dem Flüchtlingszelt die bedrückende Lage des Übergangs.«
(Tochter denkt:) »Das Zelten mit Anne-Sophie war so toll, die ganze Nacht haben wir geredet.«

»Der Abacus von George Lappas, das kennst du noch oder?«
»Ob Finn das nächste Mal beim Zelten mitkommt? Das wäre toll. Er ist so gut in Mathe.«

»Andreas Lolis Skulpturen sind aus Marmor, das sieht man gar nicht auf den ersten Blick.«
»Und ich habe nackt auf dem Marmor beim letzten Urlaub gelegen, so stark war mein Sonnenbrand.«

»Kendell Geers, hier liegen riesige Stacheldraht-Rollen in Regalen, die jederzeit zum Einsatz kommen können.«
»Die du am liebsten um mein Zimmer wickeln würdest, damit ich drin bleibe und nix böses tue. Bei dir bleibe.«

»Ein Panzer aus Schaumstoff von Andreas Angelidakis, Polemos ist der Titel.«
»Wie dein Panzer um dich herum. Wann sagst du mir endlich mal, wie du dich wirklich fühlst nach der Trennung von Papa und lügst mich nicht an?«

(Die Mutter steigert das Tempo, je weniger die Tochter etwas sagt. Verzweiflung im Blick)

(Mutter sagt:) »Der Webstuhl von Janine Antoni, mit REM-Dekodierer, die gewebte Decke reicht bis zum Bett.«
(Tochter denkt:) »Ich bin so müde, darf man sich da reinlegen? Einfach wie früher, als Papa noch da war. Einfach hinlegen.«

»George Hadjimachalis hat auf diesem Tisch die Begegnung von Ödipus mit seinem Vater thematisiert.«
»Wenn wir uns jemals an einer Kreuzung treffen, thematisiere ich das mit Schlauchbooten im Atlantik. Mit zwei roten Ampeln mitten im Meer.«

»Gary Hill in einer Performance«
»Rennt der Typ tatsächlich immer wieder gegen die Wand? Tatsächlich. Cool. Genau wie bei uns.«

»Bill Violas Welle erfasst die Protagonisten, sie werden komplett nass, wie auf einem Flüchtlingsboot.«
»Wohin würdest du flüchten, wenn du könntest? Vor was hast du Angst? Einer neuen Beziehung? Mach‘ es, mach‘ es einfach. Tu mir den Gefallen.«

(Mutter sagt:) »1006 Einwohner hat die Insel Nisyros, auf der Panos Kokkinias die Menschen mit ihren Fotoapparaten und Handys portraitiert hat.«
(Tochter hat, wie auf dem Foto des Künstlers, ihr Handy in der Hand und sagt zum ersten Mal etwas:) »1008 Einwohner, da kann ich dir auch noch was beibringen«

Tag 40: »Es gibt nie eine Erklärung dazu«

Ich habe mich entschlossen, die Erklärungszettel bei der documenta 14 komplett einzusammeln.

Ist Ihnen schon aufgefallen, dass immer wieder Zettel fehlen? Das bin ich aber nicht! Ich mache das viel einfühlsamer. Ich tausche die Zettel aus – mit meinen Erläuterungen der Kunstwerke. Bisher ist das nicht aufgefallen. Das soll es auch nicht, es ist ein diskursiver Prozess. Ich stelle mich manchmal dazu und höre hin, wenn die Besucher meine Erklärungen diskutieren.

Ich bin meine Performance, die documenta spricht mir aus dem Herzen: »Dieses performative Zusammenkommen etabliert keine Hierarchien zwischen sich radikal unterscheidendem Wissen, Sprachen und Praktiken, zwischen Aktivismus und Performance, zwischen Theorie und Poesie, zwischen Kunst und Politik: Kollektiv versuchen wir uns an der Herstellung eines öffentlichen Raums der Sichtbarkeit und der Artikulation.« Das mache ich! Immer zwischen!

Ich handele strikt nach dem Prinzip von Herrn Szymczyk. Ich werde Teil des »denkenden Organismus« dieser documenta. Ich setze mich »dem Unverständlichen aus«. Ich denke selbst. Das haben alle Choristen von mir in den Walks immer wieder verlangt. Ich habe meine eigenen Gedanken aufgeschrieben, in das documenta-Layout gebracht und aufgehängt.

Die Frau neben mir sucht einen Erklärungszettel, ich weiß, wo er ist, sie weiß es nicht: »Es gibt nie eine Erklärung dazu«

Tag 25: »Sitzen die Leute endlich im Gefängnis?«

Wenn Du noch ein einziges Mal über die Linie trittst, schmeiß‘ ich Dich raus. Du machst das doch extra. Ich kenne Typen wie Dich. Es sieht ja keiner, denkst Du dir.

Doch, ich sehe Dich! Ich bin höflich, ich sage Dir, dass Du hinter der weißen Linie bleiben muss. Du schaust mich unschuldig an und trittst in gespielter Demut zurück auf die richtige Seite. Ich weiß ganz genau, dass Du dort nicht bleiben wirst. Du willst mir zeigen, wer hier die Macht hat. Weil Du eine Eintrittskarte gekauft hast?

Wieder respektierst Du die Grenze nicht. Deine Hand geht nach oben, Du zeigst mit dem Finger. Zentimeterkurz vor dem Bild hältst Du inne, ich sehe Deinen Seitenblick zu mir. Ich spreche nur mit den Augen und weiß, dass Du weißt, was Du tust. Es gibt keine Regeln für Dich.

Denkst Du. Ich kenne hier alle Regeln und ich werde sie anwenden. Das ist meine Berufung. Ich unbedeutende Aufsicht bin meiner Berufung ganz nah hier in diesem Raum. Mit den Arbeiten, die ich liebe.

Noch eine Sekunde, da, jetzt bist Du drüber. Mit beiden Schuhen. Ich sammele meine Kraft und schreie Dich an, ich habe hier nämlich Hausrecht. Genau das schreie ich Dir zu. Dass Du jetzt hier rausfliegst. Um mich herum wird es still. Alle schauen mich. Ganz ruhig werde ich.

Im nächsten Raum fragt ein Besucher im Vorbeigehen: »Sitzen die Leute endlich im Gefängnis?«