Tag 27: »Mama, können wir jetzt mal was Schönes machen?«

(Eine Mutter steht mit ihrem Kind mitten im Parthenon. Im Hintergrund entschuldigen sich zwei Frauen wortreich bei einer Menschengruppe, die Schilder mit Friedenstauben hochhält)

»Mama, was sind das für Bücher?«

»Es gibt Länder auf der Erde, da will man nicht, dass Menschen Bücher lesen. Dann verbietet man das einfach.«

»So, wie Du mir verbietest, abends noch in meinem Buch zu lesen?«

»Ja, schon. Nur dürfen die Menschen dann das Buch überhaupt nicht lesen.«

»In der Schule gibt es Bücher, da wäre ich froh, einer hätte verboten, dass wir die lesen.«

»Kennst du irgendein Buch?«

(Auf Kniehöhe entdeckt der Junge tatsächlich ein Mickymaus-Heft. Er ist begeistert)

»Kenn‘ ich gar nicht. Sieht uralt aus.«

»Und war auch verboten.«

»Das ist total ungerecht. Mickymaus darf man nicht verbieten. Kann ich das Plastik abmachen und reingucken?«

»Lieber nicht. Das wollen sich die anderen Leute auch noch anschauen mit ihren Kindern.«

(Mutter und Kind gehen zum Eingang vom Leder-Meid-Appartement. Die Friedensaktivisten im Hintergrund ziehen zufrieden ab, die Friedenstaubensymbole werden umgedreht, es kommen No-G20-Schilder zum Vorschein)

»Kann ich ein Eis?«

»Wir gehen noch hier schnell rein.«

»Nur, wenn ich vorher …«

»Wir gehen da jetzt noch rein, dann essen wir was Richtiges.«

»Was Richtigeres als Eis gibt es nicht.«

(Der Eismann im Hintergrund weiß aus langer Erfahrung, das Kinder-Erpressungsversuche an dieser Stelle großen Erfolg haben)

»Okay, eine Kugel.«

(Der Eismann lächelt und macht sich an die Arbeit. Die Mutter schluckt, dass sie von einem 2-Euro-Stück nur so wenig zurück bekommt)

»Jetzt gehen wir aber da rein.«

(Die Aufsicht am Eingang verweigert den Zutritt. Mutter und Kind haben beide keinen Rucksack auf und verstehen die Welt nicht mehr. Die Aufsicht deutet auf das Eis. Der Junge muss die Kugel und die Waffel restlos aufessen, die Aufsicht überwacht das streng, dann dürfen beide hinein)

»Wieso haben die rote Waschbecken?«

»Die Farbe heißt rosa.«

»Warum haben die rosane Waschbecken?«

»Sehen doch schön aus.«

»Kann ich mir noch die Zähne putzen? Habe ich heute morgen nicht gemacht.«

»Du hast aber gesagt, dass Du es gemacht hast.«

(Der Junge ist schwer zerknirscht und schaut in ein Unterschränkchen, ob dort Zahnpasta ist. Eine Aufsicht eilt herbei)

»Bitte nichts anfassen.«

»Mein Sohn wollte sich nur die Zähne putzen.«

(Die Mutter kann sich ein Lächeln nicht verkneifen. Jetzt kriegt sie die Aufsicht endlich dran)

»Ach so, warum sagen Sie das nicht gleich. Zahnbürsten gibt es unten im Shop.« 

(Die Mundwinkel der Mutter gehen nach unten. Diese Aufsichten machen ihren Job wirklich gut)

»Ich glaube, Zähneputzen geht hier oben nicht.«

»Super. Diese Dickimenta gefällt mir.«

»Documenta.«

(Der Junge strebt zum Ausgang, rast durch das Treppenhaus nach unten. Die Mutter holt ihn mit letzter Kraft ein. Der Junge strahlt)

»Mama, können wir jetzt mal was Schönes machen?«

Tag 10: »Häufiges Zweifeln und Misstrauen kann zur Sucht werden«

Ich habe mich versteckt in einem Apartment, das zur Ausstellung gehört. Versteckt auf dem Klo, wirklich simpel und trotzdem effektiv. Gestern Abend schloss sich die Tür und ich war allein. Mit diesen Bildern und mit diesen rosa Waschbecken, Badewannen und Kloschüsseln.

Die Bilder brauchen die Stille. Und meine Augen, die sie abtasten. Behutsam. Sie müssen sich erholen von den tausend Blicken des Tages. Ganz ruhig. Das Licht verschwindet, die Dunkelheit kommt, die Bilder sind weiter da. Ich rieche an den Leinwänden. Behutsam. Keine Angst. Ich bin ja da. Ich lege mich hin, schlafe bei diesen Leinwänden. Traum. Aufgewacht. Noch ein Traum.

Die Sonne geht auf und ich habe einen Blick auf den Parthenon, den sonst keiner hat. Lange steht ich hier, lasse das Aufwachen durch mich hindurchfließen. Wäre gern noch Teil meines Traums, da war alles so einfach. So wie Hier – und Jetzt.

Ich schaue in letztes Mal aus dem Fenster. Dann öffne ich die Tür zum Treppenhaus, verlasse das Apartment, gehe die Treppe hinunter. An der Wand hängt ein Zettel: »Häufiges Zweifeln und Misstrauen kann zur Sucht werden.«